• Trainingshallen als Notunterkunft für Flüchtlinge: "Es geht jetzt nicht um Sport"

Trainingshallen als Notunterkunft für Flüchtlinge : "Es geht jetzt nicht um Sport"

In Berlin werden Sporthallen als Flüchtlingsunterkünfte genutzt. Viele Klubs kooperieren, doch Spitzensportler sind verärgert. Auch der Schulsport dürfte leiden.

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Neue, temporäre Heimat: Flüchtlinge kommen an der Jahnsporthalle am Columbiadamm an.
Neue, temporäre Heimat: Flüchtlinge kommen an der Jahnsporthalle am Columbiadamm an.Foto: Theo Schneider

Die Jahnsporthalle am Columbiadamm in Neukölln platzt in diesen Tagen aus allen Nähten. Der Vorraum der Halle ist am Freitagabend voll mit überwiegend jungen Männern, viele von ihnen tragen Trainingsjacken. Dabei wird überhaupt kein Sport getrieben. In der Halle, wo vor Kurzem noch Tore standen, wo Fußball gespielt und geturnt wurde, stehen nun Feldbetten. Die Menschen in der Jahnsporthalle sind Flüchtlinge.

Der Sport lebt von und gründet auf der Herausforderung. Das könnte in diesen Tagen, Wochen und vermutlich Monaten von Vorteil sein. Denn die Herausforderung an die Gesellschaft und damit auch den Sport ist immens. Es kommen viele Menschen in dieses Land und in die Stadt Berlin.

Anfang der Woche sprach der Regierende Bürgermeister Michael Müller von 1000 Flüchtlingen, die jeden Tag die Stadt erreichten. Deswegen ist nun auch der Sport gefordert. Indem er sich selbst zurücknimmt, indem er Platz schafft, damit Flüchtlinge eine Bleibe haben.

Derzeit werden neben der Jahnsporthalle die Großsporthalle sowie die Rudolf-Harbig-Halle am Horst-Korber-Sportzentrum als Flüchtlingsunterkünfte genutzt. „Die Umfunktionierung der Sportstätten zu Flüchtlingsunterkünften schränkt den normalen Sportbetrieb ein. Darauf und dass die Lage noch angespannter werden wird, müssen wir uns einstellen“, sagt Frank Kegler, Abteilungsleiter Bildung beim Landessportbund Berlin (LSB).

"Sport ist immens wichtig für den mitunter tristen Lebensalltag dieser Menschen"

Der LSB, unter dessen Dach mehr als 2300 Vereine zusammengeschlossen und rund 600.000 Menschen organisiert sind, soll seinen Teil beitragen zur Flüchtlingshilfe. Doch gleichzeitig wird ihm ein Stück seiner Grundlage für den Sportbetrieb entzogen. Heiner Brandi, der Direktor des LSB, sagt: „Der Sport ist immens wichtig für den mitunter tristen Lebensalltag dieser Menschen, die ja noch keine Arbeit, kein Geld und daher kaum Möglichkeiten der Freizeitgestaltung haben. Er bietet ihnen Abwechslung und Freude.“

Es liegt auf der Hand, dass der LSB gerade in den Wintermonaten nur wenig zur Abwechslung der Neuankömmlinge wird beitragen können, wenn die Sportangebote durch die Verknappung der Sportstätten weniger werden. Man habe lange auf die Umfunktionierung von Turnhallen zu Flüchtlingsunterkünften verzichten wollen. Doch das sei jetzt nicht mehr möglich, heißt es vom Landesamt für Gesundheit und Soziales. Schließlich seien Turnhallen immer noch besser als Zelte.

Jeder Bezirk Berlins musste der Stadt jüngst drei bis vier Gebäude nennen, die zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert werden können. Darunter werden einige Turnhallen sein. Und der Ärger ist nicht nur programmiert, es gibt ihn jetzt schon, obwohl gerade mal drei Sporthallen als Flüchtlingsunterbringung dienen. So wurden die beiden Hallen im Leistungssportzentrum Horst-Korber am Donnerstag im Schnellverfahren für Flüchtlinge geräumt.

Spitzensportler wie der Sprinter Lucas Jakubczyk erfuhren über Trainingskollegen, dass sie schnell vorbeikommen und ihren Spind leeren sollten. Die Sportler sind verärgert, weil sie nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurden und sie nun nicht wissen, wie es weitergeht mit ihnen. Die Sportstätten sind für Spitzensportler ohnehin knapp in Berlin.

Vorboten auf das, was auf den Sport zukommen wird

Schwierig ist die Situation für die um ihren Arbeitsplatz gebrachten Sportler auch deshalb, weil sie kaum lauthals dagegen protestieren können. Natürlich ist ihnen bewusst, dass in erster Linie die Flüchtlinge nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Die Probleme der Sportler sind vor diesem Hintergrund Luxusprobleme.

Doch das zu sagen, ist einfach für jene, die selbst nicht betroffen sind. Es sind Härtefälle, aber auch Vorboten auf das, was auf den Sport, speziell auf den Breiten- und Schulsport in Berlin zukommen wird. Im Winter dürfte der Sportunterricht an manchen Schulen stark eingeschränkt sein. Die Notenvergabe im Sport ist aber an Mindestteilnahmen gekoppelt. Bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft überlegt man zumindest schon im Stillen, ob die bisherige Regelung gelockert werden muss.

Die Senatsverwaltung wird schnell reagieren müssen auf die neue Situation. LSB-Direktor Brandi hat Zweifel, ob dies auch passieren wird. Er wartet seit vier Wochen auf die beim Senat beantragten 45.000 Euro für den Flüchtlingssport. „Die wurden uns vom Berliner Senat zugesagt. Doch es passiert nichts“, sagt Brandi und erinnert an die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Deutsche Gründlichkeit ist super. Doch jetzt ist deutsche Flexibilität gefragt, hat sie gesagt. Leider merken wir vom LSB nichts davon. Ich glaube nicht, dass wir das Geld in diesem Jahr noch sehen“, sagt er.

Der Tagesspiegel fragte bei der dafür zuständigen Senatsverwaltung für Inneres und Sport nach. Dem Antrag sei zugestimmt worden, nur noch Formalien müssten geklärt werden, lautete die Antwort.

Der Streit um die nicht gerade üppigen 45.000 Euro für den Flüchtlingssport lässt befürchten, dass die Sportpolitik in Berlin noch nicht gewappnet ist für die Herausforderung. Anders sieht es an der Basis aus. 40 Berliner Vereine kooperieren mit Erstaufnahmeeinrichtungen, und es werden immer mehr. „Wir sehen die Situation als Chance. Neue Menschen und Kulturen sind für jeden Verein ein Gewinn“, sagt Kevin Langner, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Berliner Fußball-Verband (BFV).

Die Hilfsbereitschaft ist jetzt schon groß bei den Vereinen, selbst bei denen, die direkt betroffen sind. Selami Erbay zum Beispiel ist Präsident beim Oberligisten BSV Hürtürkel. Der ambitionierte Verein wird vorerst die Jahnsporthalle nicht nutzen können. Erbay sagt: „Es geht jetzt nicht um Sport. Es geht darum, dass diese Menschen eine Unterkunft haben.“

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