Sport : Tretschok und das "internationale Gefühl"

MICHAEL ROSENTRITT

CHICLANA ."Okay, bis halb haben wir Zeit", sagt er.Es zählt zu den etwas weniger leichten Aufgaben, diesen René Tretschok zu einem Gespräch zu überreden.Nicht etwa, daß der Mann hier im südspanischen Übungscamp der Herthaner übermäßig mehr zu üben hätte als andere."Ich ziehe es vor, mich ein bißchen zurückzuhalten", sagt Tretschok.Was sich ja nicht unbedingt von jedem Fußballprofi behaupten läßt.Daß er durchaus etwas zu sagen haben sollte, erkennt man schon daran, daß Tretschok neben Torwart Gabor Kiraly und Michael Preetz der einzige im Team von Hertha BSC ist, der alle Bundesligaspiele der Hinrunde bestritten hat.

"Ja, das stimmt.Dafür, daß ich im Sommer erst neu ins Team kam, ist das schon ganz gut", erzählt Tretschok.Vom ersten Mal, als der gebürtige Wolfener ein Arbeitsverhältnis mit einem Berliner Fußballverein eingegangen war und für neun Monate bei Tennis Borussia unter Vertrag stand, ließe sich so ziemlich genau das Gegenteil behaupten.Anschließend folgte ein dreijähriges Engagement bei Borussia Dortmund, ehe er zum 1.FC Köln wechselte."Die Zeit in Dortmund war gut", so Tretschok, "da waren 20 Nationalspieler und ich.Ich war nie Stammspieler, aber ich habe mich dazu bekannt, daß ich die Nummer zwölf war, damit der erste, der eingewechselt wurde.Mit elf Mann hätte Borussia nie diese Erfolge zustande gebracht." In Köln dagegen hätte er sich mal öfter gefragt, wo er eigentlich gelandet sei."Die haben vom UEFA-Cup geredet und nicht gemerkt, daß wir absteigen." Köln stieg ab.Tretschok hatte alle 34 Saisonspiele absolviert und acht Tore geschossen.

Nun wird sich in Berlin kaum verhindern lassen, daß er mit Hertha nicht absteigt, doch auch hier wird heftig vom UEFA-Cup-Platz geredet."Bei Hertha ist das anders.Hier wird was langfristig aufgebaut.Wir haben eine gute Hinrunde gespielt, einiges fehlt noch, aber wir sind auf dem richtigen Weg.Wichtig wird sein, daß wir nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben und daß wir attraktiven Fußball spielen", sagt der 30 Jahre alte Mittelfeldspieler.Aber man dürfe jetzt nicht "verrückt werden und von der Champions League sprechen".

Berlin, wie hast du dich verändert, denkt Tretschok und sagt: "Der Druck nimmt natürlich zu.Wir werden mit Beginn der Rückrunde wahrscheinlich pausenlos mit dem Thema UEFA-Cup konfrontiert werden." Was ja irgendwo auch ganz schön sei.Denn "es gibt schlechtere Themen", so Tretschok, "doch wir brauchen einen guten Start.Je eher wir die 40 Punkte erreichen", also sicher drin bleiben, "je höher sind die Chancen auf einen UEFA-Cup-Platz".Wenn aber nicht, wenn also die ersten Spiele gegen Dortmund, Schalke und Kaiserslautern in die Hose gingen, "kann man schnell in einen Strudel geraten.Und dann wird es auch bei uns richtig heiß".

René Tretschok jedenfalls wäre persönlich enttäuscht, wenn es am Ende nicht reichen sollte für einen Platz im internationalen Geschäft.Schließlich sei es doch lohnend, ein "internationales Gefühl" (Tretschok) nach Berlin "zu locken".Für Tretschok ist die Mannschaft dazu in der Lage, wenn sie in Hochform ist."Ich gebe Ihnen ein Beispiel", erzählt er weiter, "wir hatten ja auch eine schlechte Phase, als wir drei Spiele hintereinander verloren haben.Mir hat dabei imponiert, wie wir Spieler miteinander umgegangen sind.Wir haben uns da allein wieder rausgezogen und eine tolle Serie bis zum Bremen-Spiel", dem letzten vor der Winterpause, "hingelegt.So etwas nenne ich Charakter".

Tretschok braucht Harmonie, um Leistung zu bringen."Ich bin wahrlich kein Naturtalent, und ich habe einiges erlebt im Fußball.Aber was bei Hertha augenblicklich läuft, ist außergewöhnlich." Und das mit so vielen Ossis im Team.Tretschok muß lachen, über diesen, seinen Gedanken, den er ausspricht."Ich glaube sogar, der Verein hat das ganz bewußt so gemacht", sagt Tretschok.Vorausgesetzt, man kann ganz gut Fußballspielen."Denken Sie nur an das Zuschauerpotential aus dem Umfeld Berlins.Diese Menschen sind sehr sensibel, und so können sie sich leichter identifizieren." Mit einem wie Tretschok beispielsweise, denn für halbe Sachen ist er nicht zu haben.

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