Sport : Treu und Glauben

Der FC Arsenal besiegt sein Vorbild Barcelona dank der eigenen Philosophie

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Zähne gezeigt. Robin van Persie und Arsenal schlagen die Übermannschaft aus Barcelona mit deren eigenen Waffen. Foto: Reuters
Zähne gezeigt. Robin van Persie und Arsenal schlagen die Übermannschaft aus Barcelona mit deren eigenen Waffen. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Nach dem tosenden Jubel über den unvermittelten Triumph fluteten die Superlative ins Stadion des FC Arsenal. „Barcelona ist die beste Mannschaft der Welt“, sagte Trainer Arsène Wenger mit unverkennbarem Stolz. „Sie sind die beste Mannschaft in der Geschichte des Fußballs und wir haben sie geschlagen“, präzisierte der nicht minder mit sich und seinem Team zufriedene Kapitän Cesc Fábregas. Robin van Persie, der Schütze des 1:1-Ausgleichs zwölf Minuten vor dem Ende und Ausgangspunkt der Fünf-Minuten-Wiederauferstehung, setzte dem Eigenlob eine kleine, goldene Krone auf: Man habe Barcelona, sagte der Niederländer, „mit den eigenen Waffen besiegt“.

Die Katalanen sind das große Vorbild der Londoner, man teilt nicht nur die grundsätzliche Spielausrichtung, sondern auch die fundamentalistische Unterfütterung: Der Zwang, dem offensiven Ideal treu zu bleiben, überstrahlt alles, mitunter auch die Ergebnisse. Umso größer fiel nach dem 2:1 Wengers Genugtuung aus. Arsenal hatte natürlich mit einer schönen Portion Mumm gewonnen, mit beachtlicher Charakterstärke und einer neuen Reife („wir sind alle ein Jahr älter“, sagte Fábregas), aber Fußballprofessor Wenger war es besonders wichtig, auf die Selbsttreue seiner Elf zu verweisen. „Man hatte uns vorher gedrängt, gegen unser Naturell zu spielen“, sagte der 61-Jährige, „dieses Spiel kann den Glauben an unsere Philosophie bestärken.“

Anders als gegen Barcelona gemeinhin üblich hielten die Gastgeber eine sehr riskante, hohe Linie. Sie scheuten sich nicht, mit fünf, sechs Spielern nach vorne zu stürmen und nutzten jede Gelegenheit für ihre Vorstöße. Angesichts dieses bewundernswerten Esprits wirkte der Erfolg der Londoner verdient, doch weder Wenger noch der später entgeistert ins Nichts starrende Barcelona-Coach Pep Guardiola („Ich weiß nicht, wie wir dieses Spiel verloren haben“) werden den Fehler machen, das Match vom Ergebnis ausgehend rückwärts zu analysieren. Bis zu van Persies glücklichem 1:1 – mehr Montags- als Sonntagsschuss – hatten die Gäste das Geschehen über weite Passagen so überdeutlich dominiert. Barcelona verlor am Mittwoch genau so, wie Arsenal typischerweise verliert. Traumhafte Ballbesitzwerte (61 Prozent) und 629 Pässe zum Genießen reichten nicht zum Glück, weil man vorne und hinten nicht mit der nötigen Konsequenz zur Sache ging.

Vielleicht war es ein Problem, dass David Villas Tor in der 26. Minute so früh und genau in eine Drangphase der Engländer gefallen war. Auswärtstreffer zählen im Europapokal ja nicht wirklich doppelt, wie man früher zu sagen pflegte, aber eben doch mehr; Barcelona spielte in der Folge jedenfalls, als gelte es, einen Zwei-Tore-Vorsprung ästhetisch anspruchsvoll zu verwalten. Arsenal bekam minutenlang den Ball nicht zurück und spielte „am Rande des Kollaps“, wie Wenger einräumte. Voller Ohnmacht blickten die Zuschauer auf das Geschehen, verzweifelt pfiff man Lionel Messi aus, als sei dessen Brillanz verwerflich. Messi ließ zwei große Chancen ungenutzt.

Der Schuss des Argentiniers ans Außennetz wurde zwanzig Minuten vor dem Abpfiff zum Signal, die verhaltenen Erfolgsbemühungen gänzlich einzustellen. Tief in der gegnerischen Hälfte spielte Xavi einen Freistoß zurück in die eigene Abwehr. „Es ist schade, denn wir hatten das Gefühl, dass wir Arsenal überlegen sind“, sagte der 31-Jährige später mit unbeabsichtigter Offenheit. Barcelonas Profis schafften, was keinem Gegner gelingt: Sie spielten sich selbst müde. Victor Valdés machte beim Ausgleich freundlich den Weg am kurzen Pfosten frei. Vor Andrej Arschawins feinem 2:1, als der Russe den Ball nonchalant wie eine Erdnussflocke in die Ecke schnippte, trabte Rechtsverteidiger Dani Alves im Auslauftempo hinterher.

Auf so einen unverhofften Zusammenbruch mag Wenger bei allem Optimismus im Rückspiel nicht zählen: „Barcelona ist immer noch Favorit.“

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