Turbine Potsdam : Dreikampf um den Titel

Die Potsdammerinnen und zwei weitere Klubs kämpfen am letzten Spieltag um den Fußball-Titel der Frauen. Neben Turbine machen sich der FC Bayern und Duisburg Hoffnungen auf die Meisterschaft.

Helen Ruwald
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Fernduell statt Zweikampf. Potsdam und Duisburg (hier im Pokalfinale) sowie der FC Bayern können heute noch Meister werden. Foto:...

Berlin - Fans, die mit dem Ohr am Radio plötzlich entgeistert aufbrüllen, weil der Titelkonkurrent ein Tor geschossen hat, wird es nicht geben. Auch keine Radio-Live-Schaltungen zwischen Potsdam, Duisburg und Crailsheim. Im spannenden Meisterschaftsfinale der Frauenfußball-Bundesliga müssen Handys herhalten und das Internet, wo DFB-TV den Dreikampf live überträgt. Doch auch wer den Laptop mit ins Stadion schleppt, könnte aus dem Zittern nicht herauskommen. So dramatisch wie diesmal war der letzte Bundesligaspieltag noch nie.

„Es ist krass. Wir können noch alles gewinnen, aber auch alles verlieren“, sagt Turbine Potsdams Nationalspielerin Anja Mittag. Denn es geht nicht nur um den Titel, sondern auch noch um die Qualifikation für die Champions League, die künftig den Uefa-Cup ablöst. Der Tabellenerste und -zweite sind dafür qualifiziert – rutscht Turbine auf Rang drei ab, ist der Klub in keinem internationalen Wettbewerb vertreten. Mittags Mannschaft geht heute als Tabellenführer (51 Punkte/64:19 Tore) in das Spiel gegen den Siebten VfL Wolfsburg im Karl-Liebknecht-Stadion (14 Uhr). Der punktgleiche FC Bayern München, der beim Tabellenletzten TSV Crailsheim antritt, hat die um einen Treffer schlechtere Tordifferenz (66:22). Einen Punkt dahinter hofft der FCR Duisburg (81:20 Tore), der in den letzten Wochen mit begeisterndem Offensivspiel Uefa-Cup und DFB-Pokal gewann, auf einen Ausrutscher der Konkurrenz. Das Team von Trainerin Martina Voss hat als Uefa-Cup-Sieger den Startplatz für die Champions League sicher – wird es Dritter, starten drei deutsche Mannschaften in der kommenden Saison international, belegt der FCR hingegen Platz zwei, geht der Bundesliga ein Startplatz verloren.

Duisburgs überraschend hoher 4:0-Sieg am Mittwoch in München hat Turbine Potsdam unverhofft an die Spitze gebracht. „Ich habe den Spielerinnen gesagt: Hängt euch die Tabelle in die Kabine“, sagt Trainer Bernd Schröder. Der Blick darauf soll das Selbstbewusstsein des jungen Teams stärken. Daran, dass Platz eins Bestand haben wird, glaubt Schröder nicht. „Das 0:7 im Pokalfinale wiegt schwer“, sagt er, „wenn man nicht ständig Niederlagen einsteckt, ist es schwer, damit umzugehen.“

Das Hinspiel in Wolfsburg hat Turbine 5:1 gewonnen, doch Schröder geht davon aus, dass die ehemaligen Potsdamerinnen im VfL-Trikot verbissen um den Sieg fighten werden. Nationalspielerin Navina Omilade wechselte ebenso die Seiten wie Annelie Brendel, Juliane Höfler und Wolfsburgs Kotrainerin Britta Carlson. „Einige sind nicht im Guten aus Potsdam weggegangen“, sagt Carlson, „ich kann mir schon vorstellen, dass sie besonders motiviert sind.“ In erster Linie gehe es aber nicht darum, „Potsdam ein Bein zu stellen, sondern darum, noch Fünfter zu werden“.

Wolfsburg traut Schröder viel zu, Crailsheim, dem Bayern-Gegner, der nicht zu viele Tore kassieren darf, überhaupt nichts. „Ich weiß nicht, ob die überhaupt noch trainieren“, sagt er über den Tabellenletzten, für den in 21 Spielen nur ein Sieg und drei Unentschieden heraussprangen. Torbilanz insgesamt: 14:76. „Wenn Bayern dort 15:0 siegt, brauchen wir ein 18:0“, hatte Schröder vor einer Woche geunkt, um die Aussichtlosigkeit im Titelkampf zu demonstrieren. Nach der hohen Bayern-Pleite gegen Duisburg hat sich die Ausgangslage geringfügig geändert: Nun würde Turbine nach Schröders Rechnung ein 15:0 reichen.

„Wir werden uns bemühen, dass wir keine Klatsche kriegen“, verspricht Crailsheims Trainer Hubert Müller, der zum letzten Mal an der Seitenlinie stehen wird. Natürlich sei noch Training, „viermal in der Woche“. Müller war Männer-Coach beim FC Augsburg und den Amateuren des 1. FC Nürnberg und hatte, als er im Sommer 2008 in Crailsheim anfing, „gar keine Ahnung vom Frauenfußball. Die waren technisch super, das wollte ich versuchen.“ Sein Vor-Vorgänger Günther Wörle war Ende 2007 rausgeflogen, nachdem er seinen Wechsel im Sommer zum FC Bayern angekündigt hatte. Sechs Stammspielerinnen verließen in der halbjährigen chaotischen Übergangsphase laut Müller den Klub, 16-Jährige sollten sie in der Bundesliga ersetzen. „Schon vor dem Saisonstart hat unser Sportlicher Leiter gesagt, dass wir sowieso absteigen.“ Dennoch, darauf legt Müller wert, „haben wir im Hinspiel beim FC Bayern zur Pause 1:0 geführt“. Am Ende allerdings stand es doch wieder 1:4.

Bayern-Coach Wörle, dessen Team mit dem Titelgewinn schaffen soll, was den Stars um Franck Ribéry verwehrt blieb, glaubt nicht an die von Schröder proklamierte Münchner Favoritenrolle im Fernduell. Beim 0:4 vor vier Tagen gegen Duisburg „waren wir blockiert, der Druck war zu groß. Sowohl wir als auch Potsdam mussten eine deftige Niederlage einstecken. Potsdam hatte mehr Zeit zur Aufarbeitung.“ Sein Crailsheimer Kollege Müller glaubt jedenfalls an die eigene Abwehr und somit auch an Turbine: „Ich habe auf Potsdam gesetzt.“

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