Turmspringen : Bammel vor dem Delphinsalto

Wasserspringerin Maria Kurjo kämpft bei den deutschen Kunst- und Turmsprung-Meisterschaften gegen die Erinnerung an ihren Sturz vor einem Jahr.

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Am Beckenrand. Maria Kurjo schafft die schweren Sprünge noch nicht. Foto: Mike Wolff
Am Beckenrand. Maria Kurjo schafft die schweren Sprünge noch nicht. Foto: Mike Wolff

Berlin - Diesmal reicht eine kurze Geste. Jan Kretzschmar, der Trainer, dreht seine rechte Hand, er beschreibt einen Halbkreis. Ist schon okay, soll das heißen. Maria Kurjo blickt im Wasser zu ihm herüber, sie deutet ein Kopfnicken an, ein dünner Wasserstrahl spritzt aus ihrem Mund. Der fünfte Sprung war in Ordnung, zweieinhalb rückwärts mit eineinhalbfacher Schraube. Der letzte Versuch von Maria Kurjo und Julia Stolle im Vorkampf des Synchron-Turmspringens, hier in der Berliner Schwimmhalle an der Landsberger Allee bei den deutschen Kunst- und Turmsprung-Meisterschaften. Den vierten Versuch hatten sie verpatzt, Kurjo war deutlich vor Stolle eingetaucht, Kretzschmar hatte danach hektisch mit seinen Händen gewedelt. Dem vierten Sprung verdanken sie ihre 284,40 Punkte im Vorkampf. Sie wollten 310 Punkte, die Norm für die EM. Im Finale gestern Abend lief es nicht viel besser. Sie gewannen mit nur 292,80 Punkten. Stolle hatte sich die Hand verstaucht und konnte nicht mehr richtig eintauchen.

Im Einzel ist die Situation schwieriger für Maria Kurjo. Sie springt heute solo vom Turm, und für eine EM-Nominierung muss man neben einer guten Platzierung und hohen Noten auch einen Sprung mit hohem Schwierigkeitsgrad haben. Aber den hat sie nicht. Denn die 21-Jährige verzichtet auf den dreieinhalbfachen Delphinsalto. Eine Frage der Sicherheit. Der Sprung hat eine Vorgeschichte.

Vor einem Jahr streifte Maria Kurjo in Rostock bei diesem Sprung den Betonturm. Als sie wie eine Puppe ins Wasser plumpste, war sie schon bewusstlos. Drei Trainer zogen sie aus dem Becken. Seither ist es Kurjos Herausforderung, diesen Sprung wieder im Wettkampf zu zeigen. Jetzt in Berlin wollte sie es, das war der Plan. Aber im Dezember sagte sie auch: „Wenn ich ihn springe, habe ich Bammel.“

Jetzt sitzt sie in einer kleinen Cafeteria in der Halle und sagt: „Es macht keinen Sinn. Die Rotation ist nicht schnell genug.“ Seit Wochen trainiert sie den Doppelsalto, eine Vorstufe zum Dreieinhalbfachen. Sie hätte längst schon die nächste Stufe erreichen müssen: den Zweieinhalbfachen. „Aber aus irgendeinem Grund geht’s nicht“, sagt sie.

Es habe nichts mit Angst zu tun, betont Maria Kurjo. Für sie ist längst wieder Trainingsalltag, der Unfall spielt in ihrem normalen Leben keine Rolle. Jedenfalls keine, die sie spürt. Ein Schutzmechanismus, er erlaubt ihr, dass sie wieder in die Tiefe stürzen kann. Mag sein, dass der Unfall in fein dosierten Gefühlen eine Rolle spielt, das will sie nicht ausschließen, aber es ist nichts Messbares. Es gibt zum Beispiel diese Trainingssprünge, nach denen sagt sie zu Kretzschmar: „Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas nahe am Turm war.“ Nahe am Turm – das könnten alarmierende Schlüsselworte sein. Danach studiert Kretzschmar intensiv die Videoaufnahmen. Intensiver als früher, sensibilisiert durch Rostock? Da überlegt Maria Kurjo. „Kann sein“, sagt sie dann. „Aber es ist schwer zu sagen. Viel intensiver nicht. Er war ja schon immer akribisch.“

Bei ihr lösen diese Worte ja auch keine Alarmsignale aus. „Ich bin im Training nie in einen Gefahrenbereich gekommen“, sagt sie. Maria Kurjo ist sportlich noch viel zu weit weg vom dreieinhalbfachen Delphinsalto, sie muss sich emotional noch nicht mit ihm auseinandersetzen. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem sie ihn zeigen wird. „Und da kann ich mir schon vorstellen, dass ich ein flaues Gefühl haben werde.“ Sie weiß es nicht genau. Nur ihr Freund hat sich festgelegt für den Tag X. Er ist selber Wasserspringer. „Maria“, hatte er erklärt, „ich werde nicht zusehen, wenn du den Sprung zeigst.“

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