Turn-EM in Berlin : Seitz erreicht drei Finals

Elisabeth Seitz soll die neue Führungsfigur im Turnen werden. Bei der EM in Berlin muss die 17-Jährige das beweisen. Beim Auftakt qualifizierte sie sich gleich für drei Finals am Wochenende – und besiegte ihren persönlichen Horror.

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Gut in Schwung.Im vergangenen Jahr schaffte es Elisabeth Seitz bei der EM in Birmingham schon ins Mehrkampf- und Stufenbarren-Finale. Foto: dpa
Gut in Schwung.Im vergangenen Jahr schaffte es Elisabeth Seitz bei der EM in Birmingham schon ins Mehrkampf- und...Foto: dpa

Berlin - Man konnte es sogar hören, wenn man in der Nähe saß. Man konnte hören, dass Elisabeth Seitz beim Jägersalto einen Holm streifte. Die Kampfrichter saßen nahe genug dabei, sie notierten sofort: Punktabzug. Sie registrierten noch weitere kleinere Mängel, am Ende hatte die 17-Jährige eine Übung am Stufenbarren abgeliefert, nach der ihre strenge Heimtrainerin Claudia Schunk sagte: „Wir haben noch Potenzial nach oben.“

Das Potenzial kann Elisabeth Seitz von der TG Mannheim am Samstag beim Mehrkampf-Finale der Turn-EM noch ausschöpfen. Dafür qualifizierte sie sich am Mittwoch in der Schmeling-Halle. Sie schaffte es aber auch am Stufenbarren, ihrem Lieblingsgerät, und am Sprung ins Finale. Ihre Teamkollegin Oksana Tschussowitina steht zudem im Finale des Pferdsprungs, Kim Bui im Endkampf am Barren.

Gut, der Jägersalto ging schief bei Elisabeth Seitz, aber dafür hatte sie den „Def“ gut bewältigt. Der „Def“ ist ein enorm anspruchsvolles Flugteil, es hat den größten Schwierigkeitsgrad; nur drei Frauen auf der Welt turnen den „Def“, in Berlin ist es nur eine: Elisabeth Seitz.

Der „Def“ steht für einiges im sportlichen Leben der Elisabeth Seitz. Für „Horror“, aber für auch große sportliche Anerkennung. Vor allem aber steht er für eine bedeutsame Erfahrung. Die Erfahrung lautet: Ein Aufstieg hat auch Grenzen.

2010, das war ihr Jahr, da vollzog sich der steile Aufstieg der Gymnasiastin. Sie wurde vierfache Deutsche Meisterin, sie belegte bei der EM in Birmingham schon Rang acht an ihrem Spezialgerät Stufenbarren, und bei der WM stand sie als einzige deutsche Turnerin im Mehrkampf- und im Stufenbarren-Finale.

Aber ausgerechnet im Finale ihres Lieblingsgeräts fiel sie zweimal auf den Bauch. Das erste Mal, als sie den „Def“ zeigen wollte. Dann, Sekunden später, verfehlte sie bei einem anderen Teil wieder den Holm. Tränen flossen, Elisabeth Seitz trottete unter dem mitfühlendem Applaus des Publikums davon.

Sie musste diese Patzer verarbeiten, es war ein Prozess, der sie mental stärkte. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Rolle, die sie bald ausfüllen soll. Elisabeth Seitz soll eine Art Führungsfigur der deutschen Frauen-Riege werden. Noch besetzt Oksana Tschussowitina diese Rolle, aber die gebürtige Usbekin ist jetzt 36, sie redet schon vom Karriereende. Die Lücke soll die Frau ausfüllen, die 19 Jahre jünger ist. Aber die sich auch enorm entwickelt hat.

Als Claudia Schunk zum ersten Mal mit ihr arbeitete, vor fünf Jahren, da war Elisabeth Seitz ein kleines schlecht austrainiertes Mädchen, das wegen der Schule nur am Nachmittag trainieren konnte. Aber sie hatte schon damals ein ausgezeichnetes Koordinationsvermögen, und sie war bereit, hart zu arbeiten, härter als andere. „Eli ist ein Wettkampftyp“, sagt die deutsche Cheftrainerin Ulla Koch. „Sie trainiert hohe Umfänge und tut immer mehr als andere.“

Die 17-Jährige lebt in einem Teilzeitinternat und hat jetzt viel mehr Zeit zum Trainieren als früher. „Ich komme auf 30 bis 32 Stunden pro Woche“, sagt sie. 2009, als sie zum ersten Mal bei Deutschen Meisterschaften turnte, holte sie gleich drei Silbermedaillen.

Sie kann dieses Training durchziehen, weil sie ihre Schulzeit verlängert. Das Abitur macht sie nicht wie ihre Mitschülerinnen schon im nächsten Jahr, sondern erst 2013. „Das ermöglicht mir, dass ich mich ganz auf die Olympischen Spiele 2012 konzentrieren kann“, sagt sie.

Die EM ist zugleich auch Training für ihre Wettkampfhärte. Sie trifft hier auf starke Konkurrentinnen, sie muss ihre Nervenstärke beweisen. Druck können bei den Finals auch 7000 Zuschauer in der Schmeling-Halle erzeugen, es ist eine Heim-EM, die Fans erwarten deshalb besonders viel. Aber da lächelt Elisabeth Seitz nur und winkt gelassen ab. „So ein Publikum pusht mich.“

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