Turnen : Plötzlich ein paar Jahre älter

Das IOC prüft mögliche Manipulationen bei den chinesischen Olympia-Turnerinnen.

Benedikt Voigt[Peking]
Kinderdienst: Untersuchung: Chinesische Turnerinnen alt genug fuer Olympia?
Junge Garde. Chinas Turnerinnen.Foto: AFP

Auch Wang Wei äußerte sich am Freitag im großen Pressekonferenzsaal zum Alter der chinesischen Turnerinnen. Als Vizepräsident des Pekinger Olympischen Organisationskomitees hat er zwar mit Dokumenten, die eventuell gefälscht worden sind, und dem Chinesischen Olympischen Komitee auf den ersten Blick nichts zu tun, aber seine Sprecherkompetenzen scheinen vielfältig zu sein. Hatte er sich zuvor doch auch des Themas Tibet angenommen und die westliche Medienberichterstattung als verzerrt bezeichnet. Nun sagte Wang Wei: „Die Dokumente über die chinesischen Turnerinnen sind freigegeben, und die Dinge sind geklärt.“ Doch damit hat er sich getäuscht.

Gestern hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Weltturnverband aufgefordert, den Anschuldigungen über falsche Altersangaben der chinesischen Turnerinnen erneut nachzugehen. „Es sind keine Ermittlungen“, sagte IOC- Sprecherin Giselle Davies, „aber wir sind uns bewusst, dass verschiedene Fragen aufgetaucht sind, und wir wollen, dass diesen Fragen nachgegangen wird.“

Anschuldigungen schon zuvor

Bereits vor den Spielen gab es Anschuldigungen, dass einige chinesische Turnerinnen nicht das erforderliche Mindestalter von 16 Jahren haben. Nun habe das IOC neue Informationen erhalten, die aber nicht näher benannt wurden. Die Altersbegrenzungen gibt es seit 1997. Sie sollen die Gesundheit der Athleten zu schützen.

„Es gibt Diskrepanzen“, sagte der IOC-Sportdirektor Christophe Dubi. „Wir waren zuletzt besonders mit fünf Athletinnen beschäftigt, die an den Wuhan-Spielen 2007 teilgenommen haben“, sagte er, „He Kexin ist eine der Athletinnen, über die wir sehr viel sprechen.“
Die Chinesin hatte mit der Mannschaft und am Stufenbarren die Goldmedaille gewonnen. Sie soll laut Medien-Veröffentlichungen und Internetdokumenten, die auch dem Tagesspiegel vorliegen, 14 Jahre alt sein. „Die Athletin hat zwei Pässe, einen alten und einen neuen, und beide zeigen das gleiche Alter“, sagte Christophe Dubi. Nämlich 16 Jahre. „Das sind offizielle Dokumente, und keine Papiere aus dem Copyshop“, sagte der IOC- Sportdirektor. Andererseits gibt es die Unterzeile unter einem Foto der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua vom 3. November 2007. Darin ist das Alter von He Kexin mit 13 Jahren angegeben. Die entsprechende Internetseite ist inzwischen nicht mehr zu erreichen.

Amerikanische Recherchen

Ein US-amerikanischer Computer-Experte hat per Internetrecherche zwei weitere Dokumente zu Tage befördert, die das Alter He Kexins mit heute 14 Jahren bestätigen. Beides sind offizielle Listen der staatlichen chinesischen Sportverwaltung. Beim Internetanbieter Google ist der entsprechende Link zwar nicht mehr zu erreichen, genauso wenig bei der chinesischen Suchmaschine Baidu. Die Dokumente sind offenbar aus dem Netz genommen worden. Doch im Cache bei Baidu ist der Inhalt der Liste noch zu finden: He Kexin, weiblich, geboren am 1. 1. 1994.

Während der Spiele war sie wiederholt von Reportern nach ihrem Alter gefragt worden. „Ich bin 16 Jahre alt“, hatte sie geantwortet, „die Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich 16 Jahre alt bin.“

Doch auch die Turnerinnen Yang Yilin und Jiang Yuyuan sollen jünger als 16 sein, damit wäre die halbe chinesische Mannschaft unter dem Mindestalter. Diese hat insgesamt sechs Medaillen im Turnen gewonnen. Ihr Trainer Lu Shanzhen sagte: „Wir haben mit dem IOC gestern gesprochen und die Dokumente übermittelt, jede Athletin ist komplett dokumentiert.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben