Sport : Turnerin Hindermann macht Mut

Frank Bachner

Stuttgart - Kurz vor ihrer Übung hörte Marie-Sophie Hindermann in dem ganzen Lärm noch die Stimme ihrer Mutter. „Auf geht’s, Tiger“, drang zu ihr durch aus der Geräuschkulisse von 8500 Zuschauern in der Schleyerhalle. Der Tiger gab dann auch wirklich alles, es reichte bloß nicht zur Medaille. Es reichte zu Platz fünf im Stufenbarren-Finale bei der Kunstturn-WM. Es gab einige im deutschen Team, die hatten ihr Bronze zugetraut. Im Mehrkampf-Einzelfinale hatte die 16-Jährige an ihrem Spezialgerät noch die drittbeste Wertung erhalten, das weckte Medaillenträume.

Es blieb Platz fünf. Trotzdem freute sich Hindermann aus Tübingen. „Die Platzierung ist mir völlig egal, ich war im Finale“, sagte sie. „Und ich habe jetzt gesehen, wie groß der Druck auf einen ist. Mit dem muss ich noch umgehen.“ Dabei lächelte sie. Diese Art des Auftretens, eine Mischung aus Bescheidenheit und Gelassenheit, ist einer der Gründe, aus dem Klaus Kärcher Hindermann ein Angebot gemacht hat. Kärcher ist schon der Manager von Fabian Hambüchen, dem Gesicht des deutschen Männerturnens. Jetzt will er Hindermann vermarkten. Denn die ist gerade dabei, das Gesicht des deutschen Frauenturnens zu werden.

Natürlich profitiert sie von Hambüchens Erfolgen, in seinem Windschatten fällt auch sie auf. Sie wirkt im Kreis der kleinwüchsigen Turnkinder wie eine Persönlichkeit. Sie ist 1,70 Meter groß, hat Ausstrahlung und ist intelligent. Die 16-Jährige ist an ihrem Sportgymnasium in einer Begabtenklasse. „Ich kann mit ihr über vieles reden. Literatur zum Beispiel“, sagt Ulla Koch, die Frauen-Bundestrainerin. Und Hindermann gilt als authentisch. „Sie ist keine Zicke, sie will keine Extrawürste“, sagt Koch. Für die erste WM-Qualifikation in Dessau musste Hindermann verletzt absagen. Koch schrieb ihr daraufhin, dass sie trotzdem gesetzt sei. Da mailte Hindermann zurück, dass sie keinen Bonus wolle, sondern über Leistung ins WM-Team rücken wolle. Das hat Koch imponiert. Ob sie sich wirklich als Gesicht des neuen Frauenturnens aufbauen lassen möchte, hat Hindermann aber noch nicht entschieden. Frank Bachner

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