Sport : „Über den Trottel habe ich selbst gelacht“

Bartosz Karwan über Startprobleme in Berlin, über polnische Fußballer in der Bundesliga und sein Tor im Uefa-Cup

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Herr Karwan, haben Sie am Samstag vor dem Spiel gegen Wolfsburg Ihr Trikot in der Kabine gelassen, als Sie zum Aufwärmen rausgegangen sind?

Das konnte ich gar nicht, ich war gar nicht im Aufgebot für das Spiel. Aber warum fragen Sie?

Wir wollten nur mal Herthas Siegchancen am Donnerstag in Fulham ausloten. Als Sie das letzte Mal Ihr Trikot vergessen hatten…

…habe ich ein paar Tage später unser Siegtor bei Apoel Nikosia geschossen, auch im UefaCup. Stimmt! So habe ich diese blöde Geschichte noch gar nicht gesehen.

Das sind die beiden Dinge, die man mit Bartosz Karwan in Verbindung bringt: das Siegtor gegen Nikosia und kurz davor das Spiel gegen Bayer Leverkusen, als Trainer Huub Stevens Sie nicht einwechseln konnte, weil Sie Ihr Hemd in der Kabine gelassen hatten.

Danach war ich für die Zeitungen der Trikot-Trottel. Aber das war keine Tragödie. Dass die Leute darüber gelacht haben, ist okay. Ich habe es hinterher ja auch getan. Und Trikot-Trottel find ich auch nicht schlimm. Nur in Polen, da hat eine Zeitung geschrieben, ich sei dumm. Das hat mich schon gestört.

Fünf Tage später haben Sie im Uefa-Cup Ihr bisher einziges Tor für Hertha geschossen. Da haben viele gedacht, dass Ihre Zukunft jetzt beginnen würde.

Das habe ich auch gedacht. Aber offensichtlich war es nur die erste Hürde.

Ist der Uefa-Cup nach Ihrem ersten Tor für Hertha jetzt etwas Besonderes?

Er ist für den Verein etwas Besonderes. Hertha kann sich in Europa präsentieren. Für mich ist es viel wichtiger, in der Bundesliga mein erstes Tor zu schießen.

Sie sind als Nationalspieler nach Berlin gekommen und sitzen meist nur auf der Bank. Hätten Sie gedacht, dass es bei Hertha so schwer werden würde?

Ich wusste, was mich erwartet. Deshalb bin ich von nichts Großem ausgegangen. Es gibt viele polnische Nationalspieler, die in der Bundesliga einen ähnlichen Werdegang gehabt haben.

Woran liegt es, dass sich polnische Fußballer in der Bundesliga so schwer tun?

Das ist eine schwierige Frage, über die ich mir auch schon Gedanken gemacht habe. Die Kultur in Deutschland ist anders, die Mentalität auch. In Polen haben wir im Training viel mehr gespielt, hier ist alles stärker durchorganisiert. Da geht es genauso zur Sache wie im Spiel. Vielleicht müssen wir uns erst daran gewöhnen.

Welche Reaktionen kommen denn aus Ihrer Heimat auf Ihre Schwierigkeiten in Berlin?

Natürlich tut das vielen Leuten weh, gerade meiner Familie.

Und was ist mit der Nationalmannschaft?

Woher soll ich das wissen? Der Nationaltrainer…

…Zbigniew Boniek…

…ist gerade zurückgetreten. Mit ihm habe ich ständig in Kontakt gestanden. Allerdings hat er mir gesagt, dass ich erst wieder für die Nationalmannschaft nominiert werde, wenn ich bei Hertha regelmäßig spiele.

Die polnische Nationalmannschaft war die erste, die sich für die letzte WM qualifiziert hat – mit Ihnen. Und dann war es die erste Mannschaft, die ausgeschieden ist – ohne Sie. Gibt es da einen Zusammenhang?

Da haben Sie einen Punkt getroffen, den ich von mir aus nie angesprochen hätte. Nicht dass Sie das falsch verstehen. Ich wäre bei der WM mit Sicherheit nicht der große Spieler gewesen. Aber ich glaube, dass ich dem Team hätte helfen können. Auf meiner rechten Seite musste ein Linksfüßer spielen.

Sie haben in der WM-Qualifikation das entscheidende Tor für Polen geschossen, bei der Weltmeisterschaft mussten Sie verletzt zuschauen. Haben Sie das schon verdaut?

Ich denke nicht gerne an die WM. Wer weiß, ob sich eine solche Gelegenheit noch einmal bietet. Aber ich bin nicht daran kaputtgegangen, und nachtrauern darf man so einer Chance auch nicht. Die Weltmeisterschaft ist Vergangenheit. Hertha ist die Zukunft.

Noch aber sind wir in der Gegenwart, und da wirken Sie manchmal noch wie ein Außenseiter. Haben Sie Freunde in der Mannschaft?

Mit Tomasz Kuszczak, unserem dritten Torhüter, mache ich recht viel, schon deshalb, weil er auch Pole ist und wir dieselbe Sprache sprechen. Michael Preetz hat sich anfangs intensiv um mich gekümmert. Im Trainingslager haben wir uns das Zimmer geteilt, er hat mich überall eingeführt.

Und Bart Goor?

Wieso Bart Goor?

Weil er wie Sie auch beim RSC Anderlecht gespielt hat.

Ach so, aber als Bart zum RSC gekommen ist, war ich ja schon lange wieder weg. Ich habe nur ein Jahr dort gespielt: in der A-Jugend, als ich 17 war.

Aber mit Goor haben Sie zumindest ein Gesprächsthema.

Er hat mir mal erzählt, dass er in Anderlecht schon von mir gehört hatte. Das war ein schöner Moment: Die Leute dort haben mich also nicht vergessen. Im vergangenen Jahr habe ich sogar ein Angebot von Anderlecht bekommen. Das war nicht nur eine Geste.

Haben Sie mal gedacht: Wäre ich doch nach Anderlecht gegangen statt zu Hertha?

So denke ich nicht. Hertha ist ein Verein, der Zukunft hat. Er spielt in einer der angesehensten Ligen der Welt. Da können andere Vereine nur neidisch sein.

Die Frage aber ist, ob Sie eine Zukunft bei Hertha haben?

Bart Goor hat bei Anderlecht gespielt, ich auch. Jetzt spielen wir beide zusammen bei Hertha. Wissen Sie, wie ich mir den weiteren Verlauf der Geschichte vorstelle: Er spielt vorne links, ich vorne rechts.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Stefan Hermanns .

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