Sport : Übermächtige Nachbarn

Deutschland unterliegt bei der Eishockey-WM Tschechien 1:5

Claus Vetter

Prag. Wer vor dem gestrigen Eishockey-Spiel zwischen Tschechien und Deutschland in eine Prager Tageszeitung schaute, dem musste angst und bange vor dem Abend werden. Statt einer Sportveranstaltung witterte ein tschechisches Boulevardblatt in der Sazka-Arena in Prag eine Kriminalgeschichte. Tatort live statt Eishockey-Weltmeisterschaft. „Wird Benda auf dem Eis verhaftet?“ – so titelte „Blesk“. Angeblich soll der deutsche Nationalspieler Jan Benda seiner vierjährigen Tochter eine Alimentenzahlung in Höhe von rund 16 000 Euro schulden. Das jedenfalls behauptet Bendas tschechische Ehefrau, die von ihrem Mann getrennt mit der Tochter in Prag lebt. Der Vater wies die Vorwürfe zurück. Und zu seiner Verhaftung kam es gestern auch nicht: Die Polizei hetzte nicht hinter Benda über das Eis. Benda wurde nur von tschechischen Gegenspielern gestört, denen die Deutschen nach desolater Vorstellung im letzten Drittel im letzten Gruppenspiel der Vorrunde 1:5 (0:1, 1:0, 0:4) unterlagen.

„Die Polizei verhaftet uns hier nicht, sondern sie beschützt uns“, hatte Hans Zach vor dem Spiel gesagt. Und dann hatte der Bundestrainer natürlich auch davon gesprochen, wie sich sein Team gegen den WM-Favoriten zur Wehr setzen wollte: „Mit Kampfgeist.“ Einfach würde das natürlich nicht, sagte Zach. „Das ganze Land will hier die Weltmeisterschaft.“ Zum Glück war nicht das ganze Land in der Sazka-Arena, aber rund 15 000 Tschechen unter den 17 000 Zuschauern reichten schon, um dem deutschen Team akustisch zu signalisieren, dass es gestern kein gern gesehener Gast war.

Die Deutschen wehrten sich und hätten sogar in Führung gehen können, als sie in der Anfangsphase gleich zweimal eine 5:3-Überzahl hatten. Thomas Martinec (Mannheim) vergab dabei die beste Chance. Und zu einem Zeitpunkt, als die Tschechen um ihren Superstar Jaromir Jagr angesichts der blendenden deutschen Defensivleistung zu verzweifeln schienen, half ihnen Jochen Molling auf die Sprünge. Als der Mannheimer Verteidiger eine Minute vor Ende des ersten Drittels auf der Strafbank saß, traf Vaclav Prospal zum 1:0 für Tschechien. Dem deutschen Torwart Robert Müller, der gestern den Vorzug vor Olaf Kölzig gab, war bei dem Tor die Sicht versperrt.

Müller wurde im zweiten Drittel zum besten deutschen Spieler. Am Torhüter aus Krefeld kamen die Tschechen nicht vorbei und das ermutigte die deutsche Mannschaft, Ende des Mittelabschnitts wieder an die Offensive zu denken: Ein ebenso heftiger wie platzierter Distanzschuss des Mannheimers Klaus Kathan landete im tschechischen Tor, es stand 1:1.

Die Aussicht auf ein Unentschieden machten die Deutschen aber im Schlussabschnitt mit ihrer Undiszipliniertheit zunichte. Wieder einmal saß der völlig überforderte Molling auf der Strafbank und als dann auch noch Eduard Lewandowski (Köln) sich in des Gegners Drittel zwei Strafminuten abholte, nutzte zunächst Jagr die 5:3-Überzahl zum 2:1 für Tschechien. Wenig später traf Martin Strabak zum 3:1 für die Tschechen. Danach waren die Deutschen völlig konsterniert, Martin Rucinsky traf zum 4:1, Jan Hejda sogar noch zum 5:1 für den Titelfavoriten. Die erste Niederlage bei dieser WM für die bereits für die nächste Runde qualifizierten Deutschen war damit deutlicher ausgefallen, als es lange Zeit aussah. Am Samstag ist nun Österreich (20.15 Uhr, live im DSF) in der Zwischenrunde erster Gegner der Eishockey-Nationalmannschaft.

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