Uefa-Pokal : Fußball für Könige

Joachim Huber über ein Spiel mit Rauschfaktor.

Joachim Huber

Ein Königsdrama, im wahrsten Sinne. Juan Carlos I. stand auf der Tribüne und wirkte bei aller Noblesse so erschüttert wie der restliche Anhang des FC Getafe. Der war wie Millionen Fernsehzuschauer Zeuge eines nicht mehr für möglich gehaltenen Ereignisses geworden – eines Fußballspiels von einer unglaublichen, ja unglaubwürdigen Dramaturgie.

In der fünften Minute eine fragwürdige Rote Karte für Getafes de la Red, aberkanntes Bayern-Tor, die Spanier gehen in Führung, Anrennen der Bayern ohne Ende bis zu 89. Minute, bis zum Ausgleich durch Ribéry. Verlängerung und sogleich höchste Gefahr, dass Oliver Kahn zum Narren des Spiels wird. Der Bayern-Torwart hatte 105 Minuten lang nichts Besseres zu tun gehabt, als den Ball aus seinem Kasten zu holen. Dann, es ist die 120. Minute und die Bayern haben auf 2:3 verkürzt, sieht (oder erkennt?) Kahn die Chance zum finalen Höhepunkt – zum Königsmord. Er rennt aufs Getafe-Tor zu, die Spanier wirken, als hätten sie eine Erscheinung, der Ball kommt zu Luca Toni, der ihn irgendwie ins Tor murkst. Der FC Getafe ist tot, es lebe der FC Bayern! Kahn ist König, und dieser König weint. Juan Carlos I. hat das Gesicht eines erloschenen Vulkans.

Zu seinem Beginn roch der Fußballabend nach billigem Schweiß. Nicht ein Weltfußballer auf dem Platz, ein Stadion, so zugig und so klein wie das eines Regionalligisten, Spielernamen bei den Spaniern, unbekannt wie die von Hertha II. Dagegen die Bayern: ruhmbeladen, allein deren Platzwart wird mehr verdienen als der überragende Cortés, ganz in Weiß pomadisiert dieses Männer-Ballett über den Platz. Alles ist klar, alles kommt ganz anders, und dann kommt Kahn.

Am Abend des 10. April wurde in einem Stadion in einem Vorort von Madrid testiert: Ein einziges Spiel von solcher Kraft und Herrlichkeit und Ewigkeit kann das Gekicke vergessen machen, das sonst diesen Sport so schwer erträglich macht. Und jetzt bitte ein Finale mit weiter erhöhtem Rauschfaktor. 120. Minute, der letzte Gang eines Torwarts, ein raubkatzenhafter Sprung, ein Kopfball...

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