Ukraine bei der WM 2006 in Potsdam : Hinter dem Vorhang

Der mürrische ukrainische Trainer Blochin greift nicht nur auf dem Platz zur absoluten Verteidigung

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Berlin - Die spektakulärste Nachricht kam aus Kiew, und sie sorgte für merkwürdige Reaktionen im WM-Quartier der Ukraine. „Wer einen guten Job macht, hat auch gutes Geld verdient“, blaffte Trainer Oleg Blochin. „Oder dachten Sie, die Spieler kicken hier für ein Dankeschön?“

Da war sie wieder, die Klarheit des Nationaltrainers der Ukraine, der das Potsdamer WM-Quartier so gut abschirmt, als müsse man den Klassenfeind noch immer auf Distanz halten. Oleg Blochin mag keine neugierigen Journalisten, und er will auch keine brisanten Details in der Zeitung lesen.

Wohl deshalb war Blochin auch so verärgert, dass die ukrainische Zeitung „Sport-Express“ die WM-Prämie für das Erreichen des Halbfinals hinausposaunte: Die Industriebosse der Ukraine wollen demnach acht Millionen US-Dollar für einen Sieg im Viertelfinale gegen Italien zahlen – zusätzlich zu den acht Millionen US-Dollar, die schon jetzt an die Mannschaft ausgeschüttet werden. „Damit haben unsere Spieler so viel wie kein anderer bei dieser WM verdient“, hatte der Präsident des nationalen Fußballverbandes, Grigori Surkis, nach dem Sieg gegen die Schweiz gesagt. Er denke, dass „die finanzielle Stimulierung“ motivierend sei für die Nationalspieler.

Trainer Blochin, 1975 Europas Fußballer des Jahres, wird seinem Verbandschef bestimmt ein paar Takte gesagt haben. Denn bislang hatte Blochin nur Geschichten zugelassen, die vom Unterhaltungswert ähnlich attraktiv waren wie die Spiele seiner Mannschaft. Dass die quakenden Frösche die Spieler in Potsdam um den Schlaf bringen, war die aufregendste Anekdote über die Ukrainer in den vergangenen drei WM-Wochen.

Blochin passt sehr gut auf, dass keiner aus der Reihe tanzt, er ist der alleinige Chef. Das ist gut bei den Busfahrten zu sehen. Blochin ist der Letzte, der einsteigt und immer der Erste, der aussteigt – so hat er seine 23 Spieler immer genau im Blick. Dieses Ritual soll er übrigens von eher grummeligen Vorgänger Waleri Lobanowski übernommen haben, der das Team der Ukraine ähnlich streng kontrollierte.

Die Boulevardreporter aus aller Welt, die so gern über den Superstar Andrej Schewtschenko berichten würden, haben sich schon verärgert beim Weltverband Fifa beschwert. Doch der garantiert Statements nur in den WM-Stadien nach Abpfiff – und da redet meist nur ein selten gut gelaunter Blochin im Trainingsanzug. Der sagt dann Sätze wie diesen: „Wir spielen vorsichtig. Nennen Sie es Ergebnisfußball.“

Nur einmal konnten die Osteuropäer um Stürmer Schewtschenko zeigen, dass sie attraktiven Fußball spielen können: beim 4:0-Sieg in der WM-Vorrunde gegen Saudi-Arabien. Bei den anderen Spielen wurden die Spieler meist mit Pfiffen in die Kabine geschickt. So war es beim 1:0-Sieg gegen Tunesien in Berlin, so ähnlich war es auch im Achtelfinale gegen die Schweiz. Das Spiel gewann Blochins Team im Elfmeterschießen, weil die Schweizer keinen ihrer Strafstöße verwandeln konnten.

Die spielerische Qualität wird im Viertelfinale gegen Italien nicht gerade besser werden. Der Leverkusener Stürmer Andrej Woronin hat sich am Oberschenkel verletzt und kann heute Abend nicht mitspielen. Stattdessen rücken Andrej Russol und Wjatscheslaw Swiderski ins Team, die nach ihrer zweiten Gelben Karte im Achtelfinale gegen die Schweiz gesperrt waren – zwei Verteidiger.

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