Uli Borowka im Interview : "Da brennen die Socken"

Uli Borowka spricht im Interview über seine Fußballzeit in Polen und den heutigen Nationaltrainer Franciszek Smuda, der einst auch sein Coach war.

Axel Raack

Uli Borowka, Sie sind 1997 als einer der ersten Deutschen in die polnische Ekstraklasa gewechselt. Ihr Trainer bei Widzew Lodz war Franciszek Smuda, der aktuelle polnische Nationaltrainer. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Smuda war ein richtiger Fachmann. Von Jupp Heynckes und Otto Rehhagel war ich ein gewisses Niveau gewöhnt, in Lodz wurde ich nicht enttäuscht. Sein Training war sensationell. Abwechslungsreich, unterhaltsam – und furchtbar anstrengend.

Steigerungsläufe auf die polnische Art?

Von wegen. Acht gegen Acht auf dem großen Feld, Mann gegen Mann, eine halbe Stunde lang. Danach brennen die Socken.

Smuda hat sowohl einen deutschen, als auch einen polnischen Pass. Wie haben Sie sich miteinander verständigt?

Natürlich auf deutsch. Smuda ist ein äußerst sympathischer Zeitgenosse. Und gleichzeitig eine absolute Respektsperson. Wenn er sagte: „Mannschaft, rennt 90 Minuten rückwärts“, sind wir 90 Minuten rückwärts gelaufen. Diese Autorität versprüht er auch noch heute.

Sie waren 1997 im Herbst Ihrer Karriere, warum entschied sich Smuda trotzdem für Sie?

Gute Frage. Außerdem war ich ja damals auch schon schwer alkoholkrank. Ein Bekannter von mir hatte mich Smuda empfohlen, dem gerade ein Verteidiger nach dem anderen verletzt ausgefallen war. Er kannte mich, er mochte meinen Spielstil - und ich habe ihn nicht enttäuscht.

Kein Alkohol, nur harte Arbeit?

Nein, ich soff in Polen gnadenlos weiter. Mein Gehalt verzockte ich abends in den Kasinos der Stadt und in den Kneipen bestellte ich die Biere mit dem einzigen polnischen Wort, das ich kannte: dwanascie, zwölf. Meine Rückennummer. Aber im Training und in den Spielen ackerte ich dann wie gewohnt über den Rasen.

Und Ihr neuer Trainer freute sich?

Vor dem ersten Spiel sagte Smuda zu mir: „So, Uli, jetzt zeig mal, was du noch alles drauf hast.“ Mein Gegenspieler war ein junger Kerl mit hellblauen Schuhen. Was soll ich sagen? Nach fünf Minuten flog der das erste Mal über die Seitenlinie. Die Zuschauer waren begeistert, Smuda stand neben seiner Trainerbank und grinste sich einen. Da wusste ich: Hier bist du richtig.

Trotzdem verschwanden Sie zum Saisonende schon wieder aus Polen. Warum?

Ich half noch mit, dass Widzew die Meisterschaft feiern konnte (Borowka ist damit der einzige Deutsche, der polnischer Meister geworden ist, d. Red.), aber schon vor der Meisterfeier verließ ich die Stadt wieder. Lodz war meine letzte richtige Station als Profifußballer, danach ging es brutal bergab. Erst 2000 habe ich in der Entzugsklinik die Kurve bekommen.

Polen und die Ukraine stehen als Gastgeber der EM ganz besonders unter Beobachtung.

Es ist ein schönes Turnier, aber die Hooligan-Problematik macht mir weiter Sorgen, ich habe den Fanatismus von einigen Vollidioten damals am eigenen Leib erfahren: Bei einem Auswärtsspiel gegen Legia Warschau schmissen die Hools während der ersten Halbzeit Molotowcocktails in unsere Kabine, wir mussten uns im Mannschaftsbus umziehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben