Sport : Unbekannter Teilnehmer

Per Mertesacker gehört nach nur 20 Bundesligaspielen zum Kader des Nationalteams für das Iran-Spiel

Stefan Hermanns[München]

Bevor die Zukunft richtig beginnt, ist Per Mertesacker am Dienstagmittag noch einmal von seiner vermeintlichen Vergangenheit eingeholt worden. Ein Reporter des DSF bat ihn, einen Trailer zum Länderspiel der deutschen U-21-Nationalmannschaft in die Kamera zu sprechen: „Wir sind die Zukunft. Deutschland gegen Polen. Live im DSF.“ Mertesacker zögerte, dann wandte er zur Verwunderung des Fernsehreporters ein, dass der nächste Gegner der deutschen U 21 nicht Polen sei, sondern Aserbaidschan, „hundert Prozent“. Mertesacker kennt sich da aus. Am Sonntag wird er selbst wieder zur U 21 reisen, um am Dienstag gegen Österreich in der EM-Qualifikation zu spielen. Aber vielleicht ist Per Mertesacker dann schon A-Nationalspieler.

In der vergangenen Woche hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann den gerade 20 Jahre alten Verteidiger vom Fußball-Bundesligisten Hannover 96 ins Aufgebot für das Länderspiel am Samstag (18 Uhr, live im ZDF) gegen Iran berufen. Neben Thomas Hitzlsperger vom englischen Premier-League-Klub Aston Villa ist er der zweite Neuling im Kader, der am Donnerstag nach Teheran fliegt. Auf Torsten Frings muss der Bundestrainer dabei verzichten. Der Münchner Mittelfeldspieler hat sich eine Kapsel- und Bänderverletzung zugezogen.

Den Neuling Mertesacker hält Klinsmann für „ein großes Abwehrtalent“. Er sei sehr kopfball- und zweikampfstark, „außerdem hat er für sein Alter eine enorme Ruhe und gute Übersicht“. Enorme Ruhe? Gestern Mittag stand Mertesacker noch etwas verloren in der Lobby des Hotels der Nationalmannschaft. Er strich sich mit der Chipkarte seines Zimmers übers Kinn, klopfte mit den Fingern auf die Theke an der Rezeption, zupfte sich am Ohr, wippte vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück, steckte sich die Daumen in die Hosentasche, und schließlich verschränkte er die Arme vor der Brust – die richtige Haltung schien er nicht zu finden. „Ich kenne diesen Auflauf noch nicht so.“

Als Mertesacker am vergangenen Mittwoch den Anruf eines unbekannten Teilnehmers auf seinem Handy entgegennahm, dachte er, es handle sich um einen weiteren Gratulanten zu seinem 20. Geburtstag. Doch dann meldete sich Jürgen Klinsmann. Immerhin war sich Mertesacker ziemlich sicher, dass es sich nicht um einen Witzbold handelte: „Ich kannte die Stimme schon.“ Von dem Geburtstag wusste Klinsmann nichts, „er hat es nicht erwähnt“, sagt Mertesacker. Jedenfalls kann er sich nicht daran erinnern. Denn nachdem der Bundestrainer ihn von der Berufung in die Nationalmannschaft unterrichtet hatte, habe er „den Rest gar nicht mehr mitgekriegt“.

Seine Aufregung ist schon deshalb verständlich, weil Mertesacker nicht unbedingt behutsam in die neue Rolle hineingewachsen ist. „Das ist ein Riesensprung“, sagt er selbst. Erst 20-mal hat der Innenverteidiger in der Bundesliga gespielt. Seine internationale Erfahrung beschränkt sich auf zwei Einsätze in der U 21. Trotzdem wird dem jungen Verteidiger zugetraut, dass er die rasende Entwicklung ohne Schäden an Leib und Seele übersteht. Vor der Berufung in die Nationalelf hat sich Klinsmann eigens mit Mertesackers Vereinstrainer Ewald Lienen ausgetauscht. In Hannover wird die Beförderung des Verteidigers in die Nationalmannschaft vorbehaltlos unterstützt. Schon vor dem letzten Länderspiel gegen Brasilien hatten sich Lienen und Hannovers Manager Ilja Kaenzig für eine Berufung ausgesprochen. „Er hat eine Chance verdient“, sagt Kaenzig.

Das Spiel in Teheran wird für die Nationalspieler kaum weniger aufregend sein als die Begegnung mit dem Weltmeister Brasilien vor vier Wochen in Berlin. 100 000 Zuschauer passen ins Azadi-Stadion, und wahrscheinlich werden am Samstag sogar 120 000 Menschen zuschauen. „Das ist ein Erlebnis, das die Spieler nicht tagein tagaus in ihren Klubs haben“, sagt Klinsmann. Vor allem nicht die jungen Spieler wie Mertesacker.

Für den 20-Jährigen war es schon aufregend genug, nach seiner Ankunft in München „am Flughafen abgeholt zu werden“. An die Annehmlichkeiten des süßen Nationalmannschaftslebens wird er sich schon noch gewöhnen. „Ich kann es ganz ruhig angehen lassen“, sagt Mertesacker. „Ich habe ja noch ein bisschen Zeit.“

Selbst bei der Weltmeisterschaft im Jahre 2014 könnte er noch für die Nationalmannschaft spielen. Dann ist Per Mertesacker 29.

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