Sport : „Und da pfeift er Elfmeter“

Meine EM – in unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Folge 7: Matthias Sammer über das 3-5-2-System mit ihm als Libero und seine Trotzreaktion im Finale 1996

Matthias Sammer

Wenn es um diese EM in England geht, taucht irgendwann immer Berti Vogts’ Spruch auf: „Der Star ist die Mannschaft.“ Ich habe immer noch ein exzellentes Verhältnis zu Berti, aber diesem Spruch kann ich nicht zustimmen. Heute liegt ja das Problem oft darin, dass alles Individuelle nivelliert und ins Team gepresst wird. Nein, nicht die Mannschaft ist der Star, sondern die Persönlichkeit. Wie früher Pelé, Beckenbauer und Maradona, die alle begnadete Einzelspieler waren, ihr individuelles Können aber immer in den Dienst der Mannschaft gestellt haben. Wie übrigens auch Lothar Matthäus, dem man von mir aus einiges nachsagen kann, aber keinesfalls, dass er nicht immer für die Mannschaft gearbeitet hat.

Lothar war 1996 wegen einer Verletzung nicht dabei, aber wir hatten auch so hervorragende Individualisten. Andreas Köpke im Tor, vor ihm Jürgen Kohler, der schon im ersten Spiel ausfiel, aber von Markus Babbel sehr gut ersetzt wurde. Schauen Sie sich das Mittelfeld an mit brillanten Technikern wie Thomas Häßler und Andreas Möller, im Angriff Jürgen Klinsmann und Stefan Kuntz – das waren alles sehr gute Einzelspieler. Unser Erfolgsgeheimnis war, dass diese Individualisten sich sportlich und menschlich sehr gut verstanden und deshalb eine geschlossene Mannschaft bildeten. Es ging los mit einem 2:0 gegen die Tschechen, von denen ja keiner ahnen konnte, dass wir sie drei Wochen später erneut im Finale sehen würden. Es war von unserer Seite aus kein glanzvolles, aber ein sehr konstantes und souveränes Spiel. So ging das weiter im nächsten Spiel gegen die Russen. Ich kann mich noch gut an Jürgen Klinsmanns wundervolles Tor zum 3:0-Endstand erinnern, ein Schuss mit dem Außenrist ins linke obere Dreieck, auch das ein Ausdruck unserer individuellen Klasse.

Unser 3-5-2- System mit mir als Libero war einzigartig, aber schon nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber es hat funktioniert, wir haben es beherrscht. Und auch die beste und modernste Taktik ist kein Garant für sportlichen Erfolg. So ist das den Italienern ergangen, im letzten Gruppenspiel gegen uns. Dieses italienische Team war taktisch das beste, gegen das ich je gespielt habe. Sein Pressing war fantastisch, wir wussten zum Teil gar nicht, was wir mit dem Ball machen sollten. In so einer Situationen habe ich schon nach ein paar Minuten den Ball an Casiraghi verloren, der ist allein aufs Tor, Andi Köpke hat ihn gefoult. Elfmeter, Zola hat geschossen und Köpke gehalten. Das war ein Schlüsselmoment, vor allem für die Italiener, die nach diesem 0:0 gegen uns nach Hause fahren mussten.

Das Viertelfinale gegen Kroatien war wohl sehr hart, aber das habe ich erst später mitbekommen, als ich mir die Bilder noch einmal auf Video angeschaut habe. Im Spiel war ich so konzentriert, dass ich die vielen Nickligkeiten ausgeblendet habe. Nur mein Siegtor zum 2:1 habe ich noch vor Augen. Ich springe im Strafraum hoch, es gibt eine Art Presskopfball mit einem Kroaten, der Ball fällt runter und ich haue ihn mit dem Spann ein. Dass ich kaum gejubelt habe, war keine Geste der Arroganz, sondern eine der Erschöpfung. Ich war über fast den gesamten Platz gerannt, da fehlte mir die Kraft zum Feiern.

Dann der Umzug von Manchester nach London, das Halbfinale in Wembley. Der Tanz auf der Rasierklinge gegen die Engländer. Das Spiel hatte gerade angefangen, da schoss Alan Shearer schon das 1:0, aber Stefan Kuntz gelang schnell der Ausgleich. Es ging immer hin und her, erst 90, dann 120 Minuten lang, und das in der einzigartigen Atmosphäre des alten Wembleystadions. Dieses Halbfinale ist das tollste Spiel, an das ich mich erinnern kann.

Das Elfmeterschießen war der Höhepunkt, und ich bin oft gefragt worden, warum ich mich damals nicht als Schütze gemeldet habe. Nun, ich hätte der Mannschaft keinen Gefallen getan. Ich halte mich zwar für einen kreativen Kopf, denke aber oft zu rational. Im Elfmeterschießen könnte das so aussehen: Kurz vor dem Anlauf gefällt mir die rechte Ecke am besten, die linke ist aber auch nicht übel, und wenn der Torwart sich zu früh bewegt, könnte man ja vielleicht auch in die Mitte … Nein, ich bin fürs Elfmeterschießen denkbar ungeeignet und den anderen sehr dankbar, dass sie sich gestellt haben. Vor allem meinem damaligen Dortmunder Klubkollegen Andi Möller, der den entscheidenden Elfer verwandelte, obwohl er eine Gelbe Karte gesehen hatte und damit fürs Finale gesperrt war.

Im Endspiel gegen die Tschechen ging das Drama weiter. Viele unserer Spieler hatten sich schon vorher über die Ansetzung eines italienischen Schiedsrichters geärgert. Ich kannte den gar nicht. Aber dann pfeift er diesen Elfmeter, diesen unglaublichen Elfmeter. Im Fernsehen war deutlich zu sehen, dass ich den Tschechen Poborsky erstens nicht gefoult habe und dass die Situation zweitens außerhalb des Strafraums geschah. Ich bin also rausgerannt an die Seitenlinie zu Berti Vogts und habe gebrüllt: „Trainer, das war nichts, so eine Ungerechtigkeit!“ Berti hat mir später gesagt, danach sei ihm klar gewesen, dass wir noch gewinnen. Es gab ja nur zwei Möglichkeiten. Zusammenbruch oder Trotzreaktion. Natürlich hatten wir auch ein bisschen Glück mit der Einwechslung von Oliver Bierhoff, der nach einem Freistoß von Christian Ziege gleich den Ausgleich köpfte. Und wenige Minuten später erlöste uns Bierhoff mit seinem Golden Goal in der Verlängerung.

Danach ist alles von uns abgefallen, wir wollten nur noch feiern. Die Party war grandios, aber sie nahm ein typisch englisches Ende. Um vier Uhr ging das Licht an, die Stühle wurden auf die Tische gestellt, und wir wurden mehr oder weniger rausgeworfen.

Aufgezeichnet von Sven Goldmann

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