Sport : …und dann kam Gerd

Beim einst als unbesiegbar geltenden FC Arsenal machen sich nach dem 1:2 in Liverpool Selbstzweifel breit

Raphael Honigstein

London - Arsène Wenger ist wie viele große Gewinner ein ziemlich schlechter Verlierer. Der Fußballlehrer macht in den seltenen Fällen von Niederlagen seines FC Arsenal gerne schlechte Schiedsrichter, überharte Gegenspieler oder nicht näher definierte dunkle Mächte verantwortlich; Kritik an der eigenen Mannschaft passt nicht in sein pädagogisches Gesamtkonzept. Doch am Sonntag fehlte dem Franzosen nach der 1:2-Niederlage in Liverpool die Energie für groß angelegte Ablenkungsmanöver. „Wir sahen heute sehr müde aus“, sagte Wenger enttäuscht, „uns fehlte die Durchschlagskraft und die Schärfe. Liverpool war effizient und direkt und hat gut verteidigt.“ Damit war die Geschichte des rasanten Spiels eigentlich schon erzählt.

Fünf Punkte Rückstand hat Arsenal nun auf Tabellenführer FC Chelsea und nicht wenige vermuten, dass der wunderschöne Volley-Treffer des Liverpooler Aushilfsstürmers Neil Mellor in der letzten Minute der Nachspielzeit die Londoner mehr als drei Punkte kosten könnte.

Angesichts von gerade mal zwei Niederlagen in 55 Ligaspielen wäre es zwar lächerlich, von einer Krise zu reden. Doch seit dem kontroversen 0:2 bei Manchester United ist das Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit erschüttert. „Zweifel haben sich in unser Spiel geschlichen“, hat Dennis Bergkamp entdeckt. Dazu ist die Stammelf in Ermangelung von Rotationsmöglichkeiten leicht überspielt – nur eines der letzten fünf Spiele in der Meisterschaft wurde gewonnen. „Wir müssen uns neu formieren und mentale Stärke zeigen“, sagt Wenger. Das muss freilich ohne Patrick Vieira gelingen. Der Kapitän hatte nach dem einzigen gelungenen Angriffszug des Meisters den Ausgleich erzielt, sich aber auch eine Gelbe Karte eingehandelt, die ihn beim Spiel gegen Chelsea in 12 Tagen nur zuschauen lässt.

Nicht länger neidisch nach oben schauen will Liverpool nach dem Sieg. Im Moment ist das Team des spanischen Trainers Rafael Benitez zwar noch Siebter, aber es bereitet sich darauf vor, die Tabellenspitze anzugreifen. Der überragende Steven Gerrard hat bereits angekündigt, dass man sich nicht wie in den Vorjahren mit Platz vier zufrieden geben wird.

Über ein titeltaugliches Mittelfeld verfügt Liverpool schon. Dietmar Hamann und Xabi Alonso raubten Arsenal die Luft zum Atmen. Alonso, einer der vier Spanier im Team, die nach dem Umzug auf die Insel auch als „die vier Benitles“ bekannt sind, traf auch zum 1:0. Der große Held aber war Mellor, den sie in der Kabine „Gerd“ nennen, weil Gerd Mellor für englische Ohren ein bisschen nach Gerd Müller klingt. Als dem Liverpooler Gerd in der 92. Minute der Ball vor die Füße fiel, hielt er aus 22 Metern einfach drauf – das Spielgerät schlug unhaltbar für Jens Lehmann links unten ein. Ein sensationeller Treffer, an dem sich Wenger jedoch nicht erfreuen konnte. „Die ersten beiden Tore waren gut, aber das letzte hatte eher mit unseren Fehlern zu tun“, maulte er. Der Mann hat es, wie gesagt, mit dem Verlieren nicht so.

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