Sport : Und dann kam Ronny

Lange gab es in Cottbus klirrende Kälte statt flirrende Kombinationen – kurz vor dem Ende schießt der Brasilianer Hertha BSC doch noch zum 2:1-Sieg.

von
Ein Mann für die Momente. Ronny drischt den Ball fünf Minuten vor Schluss aus der Drehung ins Cottbuser Tor. Es war bereits der achte Saisontreffer des Brasilianers. Foto: Streubel
Ein Mann für die Momente. Ronny drischt den Ball fünf Minuten vor Schluss aus der Drehung ins Cottbuser Tor. Es war bereits der...Foto: BorisStreubel

Ronny nahm den Ball aus der Luft an, er drehte sich einmal um seine Achse, dann wuchtete er den Ball volley von der Strafraumgrenze zum 2:1 für Hertha BSC ins Tor. Gut fünf Minuten waren zu diesem Zeitpunkt beim FC Energie Cottbus noch zu spielen, und in diesem Moment bestätigte der Brasilianer genau das, was sein Trainer Jos Luhukay vor dem Spiel in der Lausitz gesagt hatte. Man darf Ronny nie, nie, nie vom Feld nehmen, weil er immer noch zu einer überraschenden und vor allem entscheidenden Aktion in der Lage ist. So war es auch gestern Abend vor 13 070 Zuschauern im Stadion der Freundschaft. Der Brasilianer hatte bis zu seinem Geistesblitz kurz vor Schluss eine eher klägliche Leistung abgeliefert. Mit seinem Tor zum 2:1 (1:0)-Endstand aber sicherte er Hertha drei wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Als der Torschütze zwei Minuten vor dem Ende dann doch ausgewechselt wurde, feierten ihn die Berliner Fans mit „Ronny! Ronny!“-Rufen.

„Für solche Momente haben wir Ronny“, sagte Manager Michael Preetz. „Das war heute ein Big Point.“ Zum Abschluss der Hinrunde in Liga zwei erhöhte der Tabellenzweite Hertha den Abstand auf den Vierten Cottbus und die Nichtaufstiegsplätze auf nun acht Punkte.

Das Berlin-Brandenburg-Duell hatte alles, was man gemeinhin von einem Derby erwartet: viele Fouls und Unterbrechungen, immer wieder hitzige Debatten der Spieler untereinander oder mit dem Schiedsrichter, dazu gegenseitige Beschimpfungen der beiden Fan-Lager. Nur die spielerische Klasse war deutlich unterrepräsentiert. Hertha war vor der Pause die bessere, da reifere Mannschaft, obwohl Luhukay kurzfristig einen weiteren prominenten Ausfall zu verkraften hatte. Adrian Ramos fehlte grippekrank; für den Kolumbianer rückte Sandro Wagner in die Mannschaft. Auf Linksverteidiger Fabian Holland verzichtete Luhukay freiwillig. An seiner Stelle verteidigte Felix Bastians. Die Berliner setzten die Gastgeber früh unter Druck und unterbanden auf diese Weise einen strukturierten Spielaufbau. Hertha verwöhnte das Publikum aber auch nicht unbedingt mit flirrendem Kombinationsfußball. Gerade Ronny wirkte seltsam träge, als schmeckten ihm die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt überhaupt nicht. Ab und zu spielte er einen guten Pass aus dem Stand, dazu führte ein Freistoß unmittelbar nach Beginn der zweiten Halbzeit zu einer Chance: Energies Torhüter Thorsten Kirschbaum ließ den Ball prallen, von Sahars Körper sprang er knapp am Tor vorbei. Auch Sami Allagui auf der rechten Offensivseite nahm so gut wie gar nicht am Spiel teil und hatte zudem Glück, dass er kurz vor der Pause nach einem taktischen Foul nicht Gelb-Rot sah.

Zu diesem Zeitpunkt mussten die Gäste aber auch nicht mehr mit aller Macht stürmen – weil sie bereits seit der 16. Minute mit 1:0 führten. Nach einem Fernschuss von Kapitän Peter Niemeyer konnte Kirschbaum den Ball nicht festhalten, Peer Kluge reagierte am schnellsten und erzielte per Kopfballabstauber das 1:0 für den Tabellenzweiten der Zweiten Liga.

Energie Cottbus war lange so etwas wie Herthas Angstgegner. Die Lausitzer hatten von den vierzehn bisherigen Duellen sieben gewonnen, Hertha nur fünf. Gestern Abend aber hielt sich der Schrecken für die Berliner lange Zeit in Grenzen. Erst nach der Pause wurde Energie etwas griffiger. Die Cottbuser hielten den Ball nun länger in ihren Reihen und wirkten nicht mehr ganz so ehrfürchtig. Trotzdem benötigten die Gastgeber eine Standardsituation, um erstmals wieder richtige Gefahr für Hertha heraufzubeschwören. Nach einem Freistoß von Marco Stiepermann aus dem Halbfeld konnte Dennis Sörensen unbedrängt zum Ausgleich einköpfen.

Fortan lebte das Spiel noch mehr von der Spannung, vom Kampf und vom Einsatz. Das spielerische Element litt nun noch stärker, Cottbus wirkte etwas versessener auf den Sieg, Chancen entsprangen den Bemühungen aber weder auf der einen noch der anderen Seite – bis Ronny an einem kalten Dezemberabend die Herzen der Berliner noch einmal erwärmte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben