Sport : Ungewollt wertvoll

Herthas Brasilianer Raffael gilt als der beste Spieler der Zweiten Liga – zu seinem Leidwesen auch als Joker

 Stefan Hermanns
Ein Leben voller Hürden. Raffael tut sich trotz (oder wegen?) aller Qualitäten schwer damit, eine feste Position bei Hertha zu finden. Foto: Boris Streubel
Ein Leben voller Hürden. Raffael tut sich trotz (oder wegen?) aller Qualitäten schwer damit, eine feste Position bei Hertha zu...Foto: BorisStreubel

Berlin - Das Reservistendasein kann ganz schön anstrengend sein. Anfang dieser Woche zum Beispiel, am Tag nach Herthas Auswärtsspiel in Fürth. Die Stammspieler haben ihr Programm bereits beendet, die Reservisten vom Vorabend müssen sich ihren Feierabend erst noch verdienen. Und das sieht dann so aus: Erst sind vier hüfthohe Hürden im Sprung zu überwinden, es folgt ein kurzer Sprint, anschließend der Torabschluss – und, falls der misslingt, gibt es zur Strafe noch 20 Liegestütze obendrauf.

Für Raffael, den Mittelfeldspieler von Hertha BSC, ist es eine ganz neue Erfahrung, zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Trainingsplatz zu stehen. Seitdem er in Berlin ist, war er eigentlich immer Stammspieler; in Fürth aber gehörte er zum zweiten Mal hintereinander nicht zur Startelf des Berliner Zweitligisten. „Natürlich ist das ein Härtefall“, sagt Markus Babbel. „Aber als Trainer muss man auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen. Wir haben ein großes Ziel, dem haben sich alle unterzuordnen.“

Babbel hält Raffael immer noch für den besten Fußballer der Zweiten Liga, aber im Spitzenspiel gegen die Fürther hatte er das Gefühl, dass seine Mannschaft gegen einen vermeintlich starken Widersacher vor allem defensive Stabilität und eine klare Ordnung benötigte. Bei der Besetzung der defensiven Zentrale entschied er sich erneut für zwei Spezialisten auf der Sechserposition: für Peter Niemeyer und Fabian Lustenberger. „Natürlich war ich traurig, dass ich nicht von Anfang an spielen durfte“, sagt Raffael. „Aber der Trainer hat es mir vor dem Spiel erklärt, und ich habe seine Entscheidung verstanden.“

Niemeyer und Lustenberger werden auch in Zukunft die beiden Konkurrenten des Brasilianers um einen Platz in der Startelf sein. Babbel plant Raffael, der früher bei Hertha den offensiven Freigeist geben durfte, grundsätzlich als Sechser im defensiven Mittelfeld ein. „Da hat er das meiste Potenzial“, sagt der Trainer. Wenn Raffael aus der Tiefe kommt, hat er fast das komplette Feld vor sich, und dann kommen laut Babbel seine Stärken noch besser zur Geltung: seine Ballsicherheit und Schnelligkeit, wenn er selbst in des Gegners Defensive vorstößt. Und seine Passgenauigkeit, mit der er das Aufbauspiel seiner Mannschaft zu strukturieren vermag. „Er kann dem Spiel seinen Stempel aufdrücken, leichter als auf der Zehn“, sagt Babbel. Denn für einen Spielmacher hinter den Spitzen sprängen bei Raffaels Bemühungen doch zu wenig Tore und Vorlagen heraus.

Seit drei Jahren steht Raffael jetzt schon bei Hertha unter Vertrag, und so offensichtlich seine fußballerischen Fähigkeiten sind, so schwierig scheint es doch zu sein, die perfekte Position für ihn zu finden. Der Brasilianer hat als zweite Spitze gespielt, als Schattenstürmer, auf den offensiven Außenpositionen im Mittelfeld, links wie rechts, und natürlich als Spielmacher. Was Babbel nun mit ihm plant, hört sich zumindest in der Theorie äußerst plausibel an. Das Problem ist, dass Niemeyer und Lustenberger mit ihren gemeinsamen Auftritten wenig Anlass zur Kritik gegeben haben: In den vergangenen drei Spielen holte Hertha drei Siege und erzielte 10:1-Tore.

Raffael verfügt zudem über den persönlichen Nachteil, dass er auch als Einwechselspieler höchst wertvoll für seine Mannschaft ist. „Wenn er kommt, kann noch ein gewisser Schub durch die Mannschaft gehen“, sagt Babbel. Gegen Frankfurt erzielte Raffael nach seiner Einwechslung das finale 3:1, und auch in Fürth war er laut seinem Trainer sofort präsent: „Er hat gut die Bälle rausgestohlen.“ Entscheidend sei, dass sich Raffael nicht sträubt gegen die Umschulung. „Er nimmt es an“, sagt Babbel. „Er will.“

Aufs Wollen kommt es heute auch in Ingolstadt an. „Uns erwartet ein schwerer Gegner. Ingolstadt ist gut drauf, eine spielstarke Mannschaft“, sagt Markus Babbel. Da werde sich zeigen, ob sein Team nicht nur die Duelle um den Aufstieg gewinnt. „Eine Spitzenmannschaft versucht auch in so einem Spiel alles, um die drei Punkte zu holen.“ Raffael dürfte dabei die Reservistenrolle erspart bleiben: Peter Niemeyer fehlt wegen seiner zehnten Gelben Karte – und auch Fabian Lustenbergers Einsatz ist fitnessbedingt noch fraglich.

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