Sport : Unsichtbarer Puck

Eine deutsche Norm könnte Eishockey im Fernsehen unmöglich machen

Claus Vetter

Berlin - Stell dir vor, es wird Eishockey gezeigt, und keiner sieht etwas. So kam sich ein Produktionsteam von Premiere vor, als es in der Kölnarena unlängst ein Experiment vornahm. Der Fernsehsender, seit Jahren für Liveübertragungen aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zuständig, filmte durch ein Netz, was sich auf dem Eis tat – oder auch nicht. „Durch das feinmaschige Netz ist der Puck nicht mehr zu sehen“, schrieb der Sender in einem Bericht an die DEL. „Die Bilder werden durch das Raster unscharf und kontrastarm.“ Das Bild flimmere. Sollten in allen DEL-Stadien Netze hängen, werde es Premiere „unmöglich gemacht“, für ordentliche Bilder zu sorgen.

Freitag hatte der ERC Ingolstadt als erster DEL-Klub ein Spiel vor komplett „vernetztem“ Publikum. Bislang schützten nur Fangnetze hinter den Toren die Zuschauer. In der zwölf Jahre alten DIN-Richtlinie 18036 werden in Ziffer 4.3.6 aber auch Netze an den Seiten der Eisfläche gefordert – was angesichts einer geringen Zahl an Unfällen durch fehlgeleitete Pucks in der DEL lange nicht interessierte. Doch seit bei einem Spiel der Hamburg Freezers eine Besucherin vom Puck getroffen wurde und diese den Klub in Berufung auf Norm 18036 verklagte, sei der „Profisport Eishockey in Deutschland in seiner Existenz bedroht“, sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke.

Der Sender Premiere, der heute das Spiel zwischen den Eisbären aus dem noch nicht komplett vernetzten Berliner Sportforum live überträgt (Beginn 14.30 Uhr), zahlt der Liga pro Jahr fast drei Millionen Euro für die Rechte. Daneben droht das internationale Abseits: Die DEL bekam nun Post vom Weltverband IIHF. Der schreibt, dass Netze über dem Schutzglas der Längsbanden die TV-Verwertung erschweren. „Was dazu führt, dass bei der Vergabe von internationalen Turnieren Länder, die derartige Netze vorschreiben, einem massiven Wettbewerbsnachteil unterliegen. Wir halten deshalb eine unverzügliche Klarstellung der deutschen DIN-Richtlinie, entsprechend der IIHF-Regel 105, für unabdingbar, um nachhaltigen Schaden für den Eishockeysport in Deutschland abzuwenden.“ Mit vernetzten Arenen wird der Eishockey-Bund mit seiner Bewerbung für die WM 2010, über die im Mai 2005 entschieden wird, somit keinen Erfolg haben. Nach IIHF-Regeln sind nur Banden plus Plexiglasscheiben mit einer Gesamthöhe von 2,40 Meter vorgeschrieben.

„Ein Wahnsinn“, sagt Tripcke. „Nirgendwo auf der Welt werden Netze gefordert, nur wir in Deutschland haben eine eigene Norm.“ Deshalb hat die DEL beim Institut für Normung eine Änderung der Norm 18036 beantragt. Doch wirtschaftlicher Zwang gegen bürokratische Entspanntheit, das ist ein schwerer Kampf. Ja, der Antrag sei gestellt, jetzt müsse der von ein paar Gremien überarbeitet werden, sagt Roswitha Cohrs vom Deutschen Institut für Normung in Berlin. „Anfang 2005 gibt es eine konstituierende Sitzung.“ Da werde die Sache mit der Richtlinie 18036 angegangen. Dann habe die DEL ja auch noch ein Gutachten in Auftrag gegeben. Und wann gibt es ein Ergebnis? „In zwei Jahren“, sagt Cohrs. Oder so: „Das ist noch tief gegriffen.“

Eine Schreckensvision für Tripcke, der glaubt, dass die Norm geändert wird. „Das ist so, als wenn Sie wissen, dass Sie auf einer Straße ab morgen 70 fahren dürfen, heute aber das Tempolimit bei 50 liegt und Sie noch nicht 70 fahren dürfen.“ Solange langsam gefahren werden muss, könnten alle Stadien vernetzt werden. Und dann wird es vorerst wohl keine Bilder von der DEL im Fernsehen geben. Vielleicht noch Übertragungen von internationalen Turnieren. Aber die werden nicht aus Deutschland kommen.

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