Sport : Unter Verdacht

Neue Diskussion um Evi Sachenbachers Blutwerte

Frank Bachner[Friedhard Teuffel],Benedikt Voig

Berlin - Eigentlich hätte der Besuch am Freitagabend in der ARD-Fernsehsendung „Waldi und Harry“ ein Höhepunkt für die deutschen Langläufer werden sollen. Schließlich hatte Tobias Angerer Bronze gewonnen. Doch kurz vor der Sendung diskutierten die Verantwortlichen der Langläufer aufgeregt über einen Artikel, der am nächsten Tag erscheinen würde: Die „Süddeutsche Zeitung“ sieht in einem hohen Hämoglobinwert der deutschen Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle Indizien für Blutdoping.

Hintergrund ist die Aussage von Bengt Saltin, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Internationalen Skiverbandes (Fis), der sich wundert, „wie sie in fünf Tagen so viele Blutkörperchen zulegen konnte“. Vor Beginn der Olympischen Spiele hatte Evi Sachenbacher-Stehle einen Hämoglobinwert von 16,4 erreicht, der Grenzwert bei den Frauen im Langlaufen liegt bei 16,0. Saltin verhängte deshalb eine fünftägige Schutzsperre, die inzwischen aufgehoben worden ist. Bei einer Kontrolle am 4. Februar habe Sachenbacher-Stehle noch einen Wert von 15,4 gehabt, sagt Saltin. Der Schwede besitzt eine Akte mit rund 50 Blutwerten von Sachenbacher-Stehle seit 2001. Nach Saltins Aussage überschreiten diese Werte nie den Wert von 15,6. Deshalb sei der aktuelle Wert so verdächtig.

Beim Deutschen Skiverband (DSV) wundert man sich nicht über den Wert von 16,4. Er basiere auf einer genetischen Veranlagung der Sportlerin, sagt Langlauf-Mannschaftsarzt Ulrich Schneider. Vor vier Wochen hatte Sachenbacher-Stehle dem Tagesspiegel gesagt: „Ich war im Sommer bei Untersuchungen schon oft über 16,0, das beunruhigt einen. Hoffentlich bin ich nicht gerade bei den Olympischen Spielen über dem Grenzwert.“ Der DSV hat deshalb öfter versucht, für sie eine Ausnahmegenehmigung zu erlangen, letztmals im Januar. Allerdings stets vergeblich.

Nach DSV-Angaben liegen dem Verband von seiner Läuferin hohe Blutwerte vor, die bis in ihre Jugend zurückgehen. Im August habe man eine Dokumentation ihrer Werte und ein hämatologisches Gutachten an die Medizinische Kommission der Fis geschickt. „Per Einschreiben“, sagt Schneider. Saltin sagte der „Süddeutschen Zeitung“, er habe die Zahlen, die Sachenbacher-Stehles hohe Werte belegten, „nie gesehen“. „Das verstehe ich nicht", sagte Pfüller, schließlich habe die Fis die Ausnahmegenehmigung abgelehnt. Sie müsse also die Werte kennen.

Bisher bestand der DSV darauf, diese Werte nicht zu veröffentlichen. „Unsere Ärzte unterliegen der Schweigepflicht“, sagte Pfüller. Falls die Läuferin allerdings der Veröffentlichung zustimme, werde man sie möglicherweise doch noch publizieren. Ihr Heimtrainer Wolfgang Pichler hat sich bereits dafür ausgesprochen.

Ein Problempunkt bei der Bestimmung des Hämoglobinwerts sind die Messmethoden. „Es ist völlig normal, dass verschiedene Labors von der gleichen Blutprobe einen unterschiedlichen Wert ermitteln. Die Differenz kann bis zu 0,5 betragen. Das ist so in der klinischen Chemie“, sagt Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Nur bedingt aussagekräftig ist nach Sörgels Angaben auch die Zahl der Hämoglobintests. Der Wert kann durch Flüssigkeitsverlust oder Höhentraining in weniger Tagen um bis zu 1,0 nach oben schnellen. „Wenn sie in so einer Phase nicht getestet wurde, ist dieser erhöhte Wert nicht dokumentiert“, sagt Sörgel.

Roland Augustin, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) möchte von Sachenbacher-Stehles erhöhtem Wert keine Schuldzuweisung ableiten. „Wir haben kein vernünftiges Langzeitprofil von den Athleten.“ An den Testmethoden der Fis hat er jedoch keine Zweifel: „Bevor man mit Testreihen anfängt, sichert man sich erst massiv ab, damit man nicht irgendwelche Hausnummern misst.“

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