Sport : Untergetaucht: Pérecs Wohnung aufgelöst

Seit der Flucht aus Sydney ist Frankreichs Leichtathletik-Star Marie-José Pérec abgetaucht. "Seit dem 24. September habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ihre Rostocker Wohnung habe ich aufgelöst, die Einrichtung einlagern lassen. "Irgendwann wird sie sich melden", meint Wolfgang Meier, der Pérec als Trainer sechs Monate lang für das Unternehmen "Gold in Sydney" vorbereitet hatte: "Sie hat mir vor dem Abflug aus Sydney gesagt, sie wolle 2001 Weltmeisterin werden."

Meier ist sicher, dass Pérec ohne diese Zwischenfälle zum vierten Mal Olympiasiegerin über 400 m geworden wäre: "Ich hatte für sie eine Zeit um 48,85 Sekunden berechnet, mit der hätte sie die Australierin Cathy Freeman geschlagen." Meier lag mit seinen Prognosen schon oft verblüffend gut. Als Ehefrau Marita Koch 1985 in Canberra den heute noch bestehenden 400-m-Fabelweltrekord von 47,60 Sekunden lief, hatte er zuvor 47,59 prophezeit.

Doch es kam in Sydney alles anders. Schon am Tag vor dem Vorlauf flog Meier, der mit großem Einsatz an Pérecs Form gearbeitet hatte, unverrichteter Dinge wieder aus Sydney ab. Stunden später startete Pérec nach Singapur, wo ihr Freund Anthuan Maybank, 4 x 400-m-Olympiasieger von 1996 mit der USA-Staffel, auf dem Flughafen in eine Schlägerei mit einem TV-Team verwickelt war. Pérec und Maybank wurden anschließend elf Stunden lang von der Polizei festgehalten.

Auslöser der überstürzten Flucht war offenbar die Tatsache, dass Pérec ihr Leben in Sydney bedroht sah. So hat ihrer Aussage nach ein unbekannter Mann an ihre Hoteltür geklopft und sie danach massiv beschimpft. "Nach der dritten Attacke gegen sie in einem Supermarkt konnte ich Marie-José nicht mehr besänftigen. Sie meinte, sie habe genug Geld verdient und müsse nicht das Risiko eingehen, sich von einem Attentäter niederstechen zu lassen." Der französischen Sportministerin Marie-George Buffet ließ ausrichten, sie sei unter dem Druck der australischen Medien zusammengebrochen. In der Tat hatten australische Zeitungen die mutmaßlich größte Gegnerin ihrer Nationalheldin Freeman schon vor Beginn der Spiele als Star mit vorwiegend negativen Eigenschaften dargestellt.

"Ich wusste, dass sie eine schwierige Person ist. Aber so exzentrisch hätte ich mir Marie-José nicht vorgestellt", sagt Meier, der die zur Flucht führende Situation offenbar nicht ganz so dramatisch sah. "Ich selbst habe die Situation für mich ziemlich schnell abgehakt, dreimal Scheiße gesagt und gedacht: Sie ist der Profi und bezahlt mich. Das ist der Unterschied zu früher. In DDR-Zeiten wäre jemand nach einer solchen Sache nie mehr auf die Beine gekommen."

Einen anderen Hintergrund für die Flucht sieht Wolfgang Meier nicht. "Doping hat bei dieser Geschichte keine Rolle gespielt. Marie-José hatte am 31. August in Frankreich noch einen Bluttest, und ich gehe davon aus, dass kein positives Resultat unter den Teppich gekehrt wurde", sagt der Mecklenburger.

Er selbst fühlt sich eher motiviert als psychologisch angeschlagen. "Trotz meiner fünf Bypässe werde ich bis Olympia 2004 brutal durchziehen. Ich trainiere eine kubanische 400-m-Läuferin und werde zwei junge Talente übernehmen. Es müssen endlich wieder weiße Läuferinnen in die 100- und 400-m-Finals", sagt Meier. Und Ehefrau Marita würde sich über diese Aktivitäten freuen, "weil ich dann endlich von der Gehaltsliste ihres Sportgeschäfts komme".

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