Sport : US Open: "Nur Ali gegen Frazier war besser"

Stefan Liwocha

Jennifer Capriati wusste, was sich gehört. Die Weltranglistenzweite bezwang Amelie Mauresmo in zwei Sätzen. "Ich habe versucht, es so schnell wie möglich zu machen", sagte die Amerikanerin über das Stadionmikrofon, "schließlich seid ihr alle wegen des nächsten Matches gekommen." Lautstarker Applaus. Das Arthur-Ashe-Stadion von New York war mit 23 033 Zuschauern ausverkauft. Wegen Andre Agassi und Pete Sampras, den Idolen mehrerer Tennis-Generationen. Der Klassiker hielt, was seine Hauptdarsteller versprachen. Nach drei Stunden und 33 Minuten hatte Sampras seinen alten Rivalen Agassi niedergekämpft, und Star-Regisseur Spike Lee frohlockte auf der Tribüne: "Nur Ali gegen Frazier war besser."

Online-Gaming Spiel, Satz und Sieg: Der Pong-Klon von meinberlin.de Die Stars servierten perfektes Tennis, aber einer musste schließlich verlieren. Darin lag die Tragik eines Duells, das erst kurz nach Mitternacht beendet war. Da senkte Andre Agassi seinen Kopf und Pete Sampras riss die Arme in die Höhe. Einzig und allein der Schlusspunkt passte nicht zu dem Thriller, der als Glanzlicht in die Geschichte der US Open eingehen wird. Beim Stand von 5:6 im vierten Tiebreak schlug Agassi eine Vorhand überhastet ins Netz. Für Agassi das Ende der Vorstellung mit 7:6 (9:7), 6:7 (2:7), 6:7 (2:7), 6:7 (5:7).

Nach dem Matchball trafen sich die beiden dominierenden Tennisspieler des vergangenen Jahrzehnts am Netz. Sie lächelten, reichten sich die Hand und gratulierten einander zu einer phantastischen Leistung. Agassi gab seinem Rivalen mit auf den Weg, das Turnier "jetzt zu gewinnen". Es wäre wenigstens ein kleiner Trost für ihn, gegen den späteren Champion ausgeschieden zu sein. Der Mann aus Las Vegas war sichtlich enttäuscht, und seine großen Augen blickten fragend in den Nachthimmel. Es fiel ihm schwer, eine Antwort für etwas Unbegreifliches zu finden. "Das Match stand wirklich auf des Messers Schneide", sagte Agassi, "geht es überhaupt noch enger?" Wohl nicht. Die beiden Tennis-Asse verloren nicht einmal ihren Aufschlag. Oder anders ausgedrückt: In 48 Spielen gelang keinem ein Break.

Im vergangenen Jahr bei den Australian Open war Agassi in fünf Sätzen als Sieger vom Platz gegangen. Doch der Auftritt am Mittwochabend in Flushing Meadows war umso dramatischer, weil ausgeglichener. "Vermutlich muss man mehr tun, als nur seinen Aufschlag zu halten, huh?", meinte ein ratloser Agassi, dem 18 Asse gelangen und nur 19 unerzwungene Fehler unterliefen. Dies hätte für jeden Gegner gereicht. Nur eben nicht für diesen Sampras, der nach seinem Wimbledon-Aus gegen den Schweizer Roger Federer und 17 Turnieren ohne Titel bereits von den Kritikern beerdigt wurde, um jetzt auf wundersame Weise wieder aufzuerstehen. Sampras spielte wie ein Champion und machte die so genannten big points. Sein Aufschlag (25 Asse) war erneut die gefährlichste Waffe, wenngleich auch seine Volleys die Zuschauer begeisterten und Agassi frustrierten.

"Es war eine Ehre, hier heute zu spielen", sagte Sampras, "die Energie war phänomenal." Selbst um Mitternacht, als das Stadion immer noch zu drei Vierteln gefüllt war. Das New Yorker Publikum demonstrierte, warum es einmalig auf der Welt ist: Man ist laut und nicht müde zu kriegen. Vor dem Tiebreak zum vierten Satz feierten die glücklichen Karteninhaber die Tennis-Künstler mit Ovationen. Es gab kaum jemanden, der sich nicht einen fünften Satz gewünscht hätte. Und viel hätte trotz eines 3:6-Rückstands von Agassi zur Zugabe nicht gefehlt. Drei Matchbälle für Sampras. Den ersten wehrte Agassi ab. Beim zweiten unterlief Sampras ("Da bin ich nervös geworden") ein Doppelfehler. Doch beim dritten landete Agassis besagte Vorhand im Netz. "Ich habe ihn zu diesem hohen Niveau gezwungen", sagte Agassi, "und darauf kann ich stolz sein." Zudem besann sich der Unterlegene darauf, "Teil eines grandiosen Matches" gewesen zu sein: "Diese Erinnerung wird mir ewig bleiben."

Agassi ist 31 Jahre alt (sieben Grand-Slam-Titel), Sampras 30 (13). Ihre Zeit läuft ab, und vielleicht wird es kein 33. Duell geben. Es wäre schade, da der Vergleich zwischen dem Serve-und-Volley-Spezialisten und dem Returnwunder "uns beide an unser Limit bringt" (Agassi). Sampras führt in der Bilanz mit 18:14, wobei er alle drei Vergleiche in Flushing Meadows gewann.

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