US Open : Von der Vorhand verlassen

Die ehemalige Weltranglistenerste Ana Ivanovic scheidet bei den US Open schon in der ersten Runde aus.

Anke Myrrhe[New York]

Vielleicht war es so etwas wie eine Vorahnung. „Ich glaube, ich brauche eine Pause“, hatte Ana Ivanovic vor ihrem Erstrundenmatch bei den US Open zu ihrem Coach Craig Kardon gesagt. Die Serbin war müde von den ununterbrochenen Reisen zu Turnieren. Selten hatte sie sich eine Auszeit gegönnt, was vor allem daran lag, dass es ihr einfach nicht gelang, an die Leistungen des vergangenen Jahres anzuknüpfen. Ohne Turniersieg in diesem Jahr und als Weltranglistenelfte kam die ehemalige Nummer eins nach New York. Ein paar Stunden später hätte Ana Ivanovic ihre Aussage am liebsten revidiert, als sie mit Tränen in den Augen versuchte zu erklären, was gerade geschehen war. Die Pause nämlich sollte viel früher kommen, als sie es wollte: In einem dramatischen Match vergab Ana Ivanovic am Dienstagabend einen Matchball und verlor in der ersten Runde der US Open 6:2, 3:6, 6:7 (7:9) gegen Katerina Bondarenko aus der Ukraine.

Beinahe zweieinhalb Stunden zeigte Ana Ivanovic im Louis-Armstrong-Stadium ein Auf und Ab, wie man es bei ihr in den vergangenen Monaten so häufig gesehen hatte. Dabei lief zunächst alles nach Plan: 6:2 und 2:0 führte Ivanovic, als auf einmal ihre Gegnerin, die jüngere der beiden Bondarenko-Schwestern, stärker wurde – und die Serbin begann, Fehler um Fehler zu machen. Die 21-Jährige wirkte mit einem Mal nervös, verlor ein Spiel nach dem anderen und sah sich plötzlich einem 1:4 im dritten Satz gegenüber. Doch die Kämpferin Ivanovic blitzte noch einmal auf, feuerte sich selbst immer wieder mit „Come on“-Rufen an und drehte den Satz noch einmal. Doch beim 6:5 gelang es ihr nicht, das Match zufriedenstellend zu Ende zu bringen.

„In den entscheidenden Phasen hat mich meine Vorhand verlassen“, sagte sie später. „Es fehlte mir das Selbstbewusstsein.“ Es wurde ein Tiebreak-Krimi, in dem Ivanovic erst 3:1 führte, dann 5:3 vorne lag und schließlich beim Stand von 6:5 einen Matchball hatte. Sie vergab ihn – mit einem leichten Vorhandfehler. Zwei weitere leichtfertig verschlagene Bälle brachten wiederum Bondarenko den ersten Matchball. Nachdem die 23-jährige Ukrainerin jedoch einen Doppelfehler serviert hatte, lagen eigentlich wieder alle Trümpfe in der Hand von Ivanovic. Doch es folgten die unerzwungenen Fehler Nummer 49 und 50 und das Ende ihrer Bemühungen.

Während Katerina Bondarenko eher gelassen reagierte („Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass ich es schaffen kann“), rang Ana Ivanovic wenige Augenblicke nach ihrer ersten Erstrundenniederlage bei einem Grand-Slam-Turnier überhaupt mit den Tränen. „Ich hatte so viele Chancen“, sagte sie. „Es ist einfach frustrierend.“ Vor genau einem Jahr hatte an gleicher Stelle die Krise von Ana Ivanovic begonnen, die am Dienstagabend ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Als Nummer eins war die Serbin 2008 nach New York gekommen, hatte zuvor das Turnier von Indian Wells und die French Open gewonnen – und schied doch überraschend früh aus. In der zweiten Runde gegen die Französin Julie Coin, damals die Nummer 188 der Welt. Früher war noch nie eine Nummer eins bei einem Grand-Slam-Turnier ausgeschieden.

Es folgte die Trennung von ihrem kurzzeitigen Freund, dem Spanier Fernando Verdasco, die ihr sichtlich zusetzte und ein neuer Trainer zu Beginn des Jahres. „Ich habe endlich angefangen, für mich selber zu denken“, sagt Ana Ivanovic heute. „Und nicht mehr nur auf die Leute zu hören, die mich umgeben.“ Sie begann, gezielt an ihren Problemen auf dem Platz zu arbeiten und verlor dabei die Leichtigkeit, die sie zuvor ausgezeichnet hatte. „Ich habe Dinge verändert, als es nicht so lief. Vielleicht auch welche, die gar nicht verändert werden mussten“, sagt sie.

Der Erfolg, der Ana Ivanovic so jung scheinbar wie von selbst ereilte, kam wohl zu früh für die Serbin. „Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich erst 21 bin“, sagt sie. Die Pause wird sie nun nutzen, um sich zu sortieren. Und wieder zu lernen, auf dem Platz nicht zu viel nachzudenken. Ein Gutes jedoch hat die Niederlage. „Ich hoffe, ich habe auch ein wenig Zeit für Shopping in New York“, hatte Ana Ivanovic unmittelbar vor Beginn der US Open gesagt. Von dieser Zeit hat sie nun erstmal mehr als genug.

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