Sport : Vater der Fantasie

Die Niederlande trauern um Trainer Rinus Michels, den Erfinder ihrer Fußballkunst

Mathias Klappenbach

Er war einer der größten Trainer des internationalen Fußballs. Weil jeder bei ihm machen durfte, was er wollte. Zumindest, wenn er dabei auf ihn hörte. Rinus Michels galt als ein Coach, der Disziplin und Kreativität wunderschön in Einklang bringen konnte.

Am Donnerstag starb Michels im Alter von 77 Jahren an Komplikationen nach einer Herzklappenoperation. „Außerhalb des Feldes hat Rinus Michels die gleiche Bedeutung für den niederländischen Fußball wie Johan Cruyff auf dem Feld“, sagte Ministerpräsident Jan Pieter Balkenende.

Der geniale Spielmacher Cruyff gestaltete das Spiel so, wie es sich der Trainer Michels wünschte: er hat die Spielweise erfunden, die als „totaler Fußball“ bekannt ist. Totaler Fußball bedeutete weniger die Einführung einer nicht gekannten Taktik als vielmehr eine Revolution der grundsätzlichen Einstellung zum Spiel. Die Laufwege und Positionen der Spieler waren nur insofern festgelegt, als sie es nicht waren. Maßgebend war der gerade vorhandene freie Raum. Ihn galt es, durch ständige Rotation der variablen Spieler kreativ und flexibel zu nutzen. Ergebnis dieser Auffassung war der gefeierte Offensivfußball, wie ihn die Niederlande mit Trainer Michels bei der Weltmeisterschaft 1974 spielten, als sie im Endspiel Deutschland 1:2 unterlagen.

Der „General“, wie er genannt wurde, stand zwar für Freiheit im Spiel und eine neue Lust auf die Schönheit daran. Dennoch legte er aber größten Wert auf die technische Ausbildung der Spieler. Wer im Training nicht immer wieder hart an Details arbeitete und so die Voraussetzungen für die Kreativität schuf, fiel durch. Michels, der selbst fünf Länderspiele für Holland absolvierte, begann 1965 mit dem fast abgestiegenen Ajax Amsterdam, seine Idee von Fußball zu entwickeln.

Sechs Jahre später holte der Verein – mit Johan Cruyff – den Europapokal der Landesmeister. Der Trainer wechselte zum FC Barcelona, Cruyff folgte zwei Jahre später. Auch dort gab es Titel und viel Anerkennung, in den Achtzigern trainierte Michels drei Jahre lang den 1. FC Köln, mit dem er Pokalsieger wurde und später für kurze Zeit Bayer Leverkusen.

Doch weltweit geachtet wurde Michels vor allem für seine Arbeit mit der niederländischen Nationalmannschaft, drei Mal kehrte er als Cheftrainer zu ihr zurück. Der WM-Titel 1974 wäre der Triumph für den totalen Fußball gewesen. Mit einer neuen Generation von Spielern gewann Michels dann 1988 Hollands einzigen großen Titel: die Europameisterschaft in Deutschland.

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