Sport : Verarbeiten, vergessen

19 Tage saß Bergen unschuldig in Haft – nun spielt er wieder

Claus Vetter

Berlin. Brad Bergen wirkte erschöpft, ein wenig unsicher und doch irgendwie erleichtert. Sein jüngster Auftritt im Trikot des EHC Eisbären lag schon eine Stunde zurück. Natürlich, das an sich belanglose 5:2 der Berliner gegen die Hannover Scorpions war ein besonderes Spiel für Bergen. Der 37-jährige Eishockey-Profi kam sich am Sonntagabend im Sportforum wie ein Debütant vor. „Der Wind im Gesicht, das flatternde Trikot, die jubelnden Fans, das war schon schön“, sagte er sinnierend. „Ich habe gespürt, wie das normale Leben zurückkehrt.“

Normal war im Alltag des Brad Bergen seit Mitte August wenig. Das Trainingslager der Eisbären in Schweden endete für ihn und seinen Kollegen Yvon Corriveau in einer Einzelzelle. Vergewaltigung hieß der Vorwurf. Zu Unrecht. Am 10. September wurden Bergen und Corriveau von den schwedischen Behörden entlassen, nach 19 Tagen Haft.

Das Warten in der Zelle auf der Polizeiwache der schwedischen Kleinstadt Kristianstad war grausam für Bergen, der Zeitpunkt der Entlassung bis zum 10. September nicht absehbar. Menschen verändern sich, wenn man ihnen die Freiheit nimmt. Manche mehr, manche weniger. Bergen hat sich schon wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Schweden aufs Eis gewagt: Training als Therapie. „Noch bin ich aber nicht zu hundert Prozent fit“, sagt er. „Mein Trainingsrückstand ist groß. Ich weiß nicht, wie lange ich noch brauche, bis ich wieder voll da bin.“ Am Sonntag hat es aber schon recht ordentlich geklappt. Bergen hat sich auf die Arbeit in der Defensive konzentriert. „Mehr habe ich auch nicht erwartet“, sagt sein Trainer Pierre Pagé. „Brad hat mir vorher gesagt, dass er sich noch nicht ganz so klasse fühlt. Aber wegen unserer vielen Verletzten haben wir ihn gebraucht. Und Brad hat uns geholfen, die drei Punkte zu holen.“

Na klar, Schulterklopfen. Aber das ist lieb gemeint, tut Bergen vermutlich auch ganz gut, oder vielleicht muss er da auch einfach durch. Vergessen, verdrängen, ja, wie die Vergangenheit verarbeiten? Natürlich wollen das viele Menschen wissen. Doch Bergen redet nicht gern darüber, er gibt sich sowieso bei öffentlichen Auftritten eher zurückhaltend. Das war schon vor Schweden so. „Meine Frau und ich, wir wollen das möglichst schnell alles vergessen“, sagt er. Punkt. Doch einfach ist das nicht, hat der unglückliche Fall ja noch ein Nachspiel. Bergens Anwalt verklagt nun den schwedischen Staat auf Schadenersatz. Jeweils 25 000 Euro sollen Bergen und Corriveau für die verlorene Zeit in der Zelle bekommen. „Das regelt alles mein Anwalt“, sagt Brad Bergen. „Ich mach mir da keine Gedanken. Ich will weiter nach vorne schauen, sonst lebe ich ja immer noch in der Vergangenheit. Das möchte ich nicht.“

Yvon Corriveau ist nach der Entlassung aus der Haft noch nicht ganz so weit. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er. Neben der psychischen Belastung hatte der 36-jährige Stürmer auch noch mit Rückenproblemen zu kämpfen. Am Freitag soll es dann aber so weit sein, beim Auswärtsspiel der Eisbären. Comeback in Krefeld – ausgerechnet, denn dort schoss Corriveau im vierten Halbfinalspiel im April das einzige Tor für die Berliner. Gereicht hat das nicht, die Eisbären verloren 1:4 und hatten ihr letztes Saisonspiel gehabt. Yvon Corriveau hat seitdem nicht mehr für die Eisbären gespielt.

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