Vermasselter Abschied : Paolo Maldini: Wut in den schönsten Augen des Fußballs

Paolo Maldini nimmt nach 901 Spielen für den AC Mailand Abschied – beim letzten Heimspiel hatten ihn die Fans seines eigenen Vereins beleidigt.

Vincenzo Delle Donne[Mailand]
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Wenn ein Fußballer 901 Pflichtspiele für ein und denselben Klub bestreitet und dann seinen Abschied feiert, sollte das doch Anlass für große Gefühle sein. Doch davon war wenig zu sehen – stattdessen stellte sich Bitterkeit und Argwohn ein. Nach dem Abpfiff von Paolo Maldinis letztem Heimspiel im heimischen Stadio Meazza vermasselten ihm die Tifosi den Abschied. 25 Jahre hatte der smarte Maldini, der mit seinen fast 41 Jahren noch immer einem Diskoboy ähnelt, seinem Verein AC Mailand die Treue gehalten. Anstatt sich mit Ovationen zu bedanken, breiteten die Milan-Tifosi ein riesiges Transparent aus, das den Ausnahmeabwehrspieler tief getroffen haben dürfte. Zu lesen war darauf: „Du hast diejenigen verächtlich verschmäht, die dich reich und berühmt gemacht haben.“ Die Fans nämlich. Maldini war sprachlos. Ein Affront, auf den er mit zynischem Beifall reagierte.

Dass Milan im Kampf um die direkte Champions-League-Qualifikation gegen AS Rom 2:3 unterlag, machte die Angelegenheit noch schmerzlicher. Nun muss Maldini mit Milan an diesem Sonntag in Florenz gewinnen – in seinem 902. und letzten Spiel.

Um Maldini zu versöhnen, schlug der italienische Verbandspräsident Giancarlo Abete ein Abschiedsspiel mit der Nationalmannschaft vor. Maldini lehnte ab. Er zog es vor, mit ihm nahestehenden Kollegen wie David Beckham, Andrej Schewtschenko oder seinem Geschäftssozius Bobo Vieri im Mailänder Edellokal „Ibiza“ seinen Frust zu verarbeiten.

Beim AC Mailand, wo Maldini im Januar 1985 sechzehnjährig in der Serie A debütiert hatte, galt er insbesondere nach dem Karriereende von Franco Baresi als der „Capitano“. Denn trotz der vielen Offerten großer italienischer und ausländischer Klubs blieb er dem AC Mailand treu. Sein Vater Cesare, der ebenfalls für den AC Mailand gespielt hatte und sich nach der aktiven Laufbahn um die Mailänder Jugendabteilung kümmerte, förderte ihn. Später bildeten Vater und Sohn ein erfolgreiches Duo bei der italienischen U21-Nationalmannschaft und auch im Nationalteam: Paolo war Kapitän der Azzurri, Vater Cesare der Cheftrainer. Bei der WM in Frankreich 1998 scheiterten sie im Halbfinale an Gastgeber Frankreich. Den WM-Pokal hat Maldini nie gewonnen, dafür fünf Mal den europäischen Meistercup, zum letzten Mal am 23. Mai 2007.

Maldini ist in Italien so glamourös wie Beckham in England. Auch er ist mit einem Model verheiratet: mit der Venezuelanerin Adriana Fossa. Auch Maldini avancierte zu einer Stil- und Werbeikone. Doch in den letzten Jahren fühlte er sich vom Klub wenig unterstützt, weil man ihn zum alten Eisen zählte. Außerdem zwang man ihn schrittweise, seine einst fürstliche Gage Stück für Stück zu reduzieren. Zuletzt erhielt er rund 1,5 Millionen Euro.

Zu den Tifosi hatte er stets ein problematisches Verhältnis. Maldini scherte sich nicht um ihre Meinung, obwohl sie gerade beim AC Mailand großen Einfluss nicht nur auf die Spieler, sondern auch auf die Klubführung ausüben. „Weniger Hollywood und mehr Einsatz“ kritzelten die Tifosi an Maldinis Hauswand, was wie eine Warnung klang.

Nach den letzten Pfiffen der Tifosi machte Paolo Maldini seinem Klub schwere Vorwürfe. „Kein Klubfunktionär hat es für nötig erachtet, nach den Pfiffen das Wort für mich zu ergreifen“, sagte der Linksverteidiger verbittert. Auch der ansonsten geschwätzige Präsident Silvio Berlusconi nicht.

Immer wieder hatte Maldini in den vergangenen Jahren mit sich und dem Karriereende gehadert. Am Ende ließ er sich dann jeweils überzeugen, ein weiteres Jahr dranzuhängen. Das ist jetzt endgültig vorbei. Dem Fußball und vielleicht auch Milan wird er jedoch erhalten bleiben. Vielleicht als Betreuer der Jugendmannschaft, wie einst Vater Cesare. Zumal sein Sohn Christian sein Talent geerbt habt und mit gerade einmal 13 Jahren bereits bei Milan unter Vertrag steht.

Ein bisschen Genugtuung erfuhr Maldini noch ganz unverhofft. Kurz nach dem gewonnenen Champions League-Finale in Rom sagte Barcelonas Trainer Pep Guardiola: „Ich widme diesen Sieg dem italienischen Fußball und vor allem Paolo Maldini, der für uns alle ein Vorbild ist.“ Maldini habe die Bewunderung ganz Europas seit 25 Jahren, und wenn er es sich anders überlege und noch ein Jahr spielen wolle – der FC Barcelona würde ihn mit offenen Armen empfangen.

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