Sport : Verrückte Bundesliga: Das letzte Spiel ist das schwerste

Helmut Schümann

Endspiele
Die Straßen sind leer.
Man könnte jetzt Fußball dort spielen
Arnfrid Astel

Immer sind die Straßen leer, wenn die letzten Spiele laufen. Warum? Weil danach Schluss ist, weil dann nach dem Spiel nicht mehr vor dem Spiel ist. Zumindest für eine Zeit lang und diesmal mit Ausnahme des FC Bayern und Schalke 04, die haben noch eine Verlängerung, die einen in der Champions League, die anderen im DFB-Pokal. Am schönsten sind die letzten Spieltage, wenn an ihnen die Wahrheit gefunden wird, die endgültige Wahrheit. Und die fand sich oft völlig anders, als man sie vermutet hat. Weil dann irrationale Kräfte frei werden und unumstößliche Weisheiten umstoßen, Sieger in ihr Gegenteil kehren und Verlierer auch.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen Gesetze sind am letzten Spieltag außer Kraft gesetzt. Übrigens auch die des Marktes und die von Herrn Kirch, der am letzten und vorletzten Spieltag eben nicht mehr verfügen kann, dass am Freitag und Samstag und Sonntag quotenspendend gespielt wird. Am Samstag ist alles wunderbar nostalgisch gleichzeitig, der Triumph und die Trauer. Und Kirch hat diesmal nichts zu sagen, nichts zu inszenieren. Die Liga setzt sich selbst in Szene.

Im Zirkus finge jetzt der Trommelwirbel an. Die Nerven des Artisten sind gespannt, die Muskeln auch, der Höhepunkt der Show, jetzt darf er nicht patzen. Das heißt, er darf, er darf den Salto Mortale auch im Netz landen. Aber er muss ihn versuchen. Wie Schalke 04 versuchen muss, Unterhaching zu besiegen. Und wenn es nicht reicht, wenn der Flieger nebens Trapez greift und der FC Bayern München in Hamburg gewinnt, dann wird Schalke eine traurige, aber dennoch zufriedene Gemeinde hinterlassen.

Denn der letzte Eindruck wirkt. Wäre ja zum Beispiel mal schön zu erfahren, was gewesen wäre, wenn Michael Ballack am Ende der vergangenen Saison nicht ins eigene Tor getroffen hätte, wenn Bayer Leverkusen Meister geworden wäre, wenn Christoph Daum als Meistermacher gestrahlt hätte. Ob dann alles so gekommen wäre, wie es gekommen ist? Möglicherweise stünde Berti Vogts gar nicht vor seinem vielleicht letzten Spiel, weil er sein erstes noch gar nicht absolviert hätte.

Es gibt jetzt auch kein Zurück mehr, kein einerseits-andererseits, jetzt gilt es, Farbe zu bekennen. Auch politisch. FDP-Vize Möllemann fliegt über Schalke ein, Ministerpräsident Beck aus Rheinland-Pfalz saß an einem letzten Spieltag schon mal im roten Trikot der Kaiserslauterner auf dem Betzenberg. Es nützte allerdings damals nichts. Vielleicht wäre es gut für den heutigen Gegner Hertha, wenn er wiederkäme. Letzte Saison war Innenminister Schily in Unterhaching, mit Unterhachings Schal, das half. Kanzler Schröder war kürzlich in Cottbus, auch mit Schal. Gibt das jetzt Streit am Kabinettstisch? Schließlich wollen beide Klubs noch drin bleiben in der Liga. Gottlob spielt Cottbus in München, das werden dann auch "Zeit"-Reporter finden, weil sie nicht in in Sachsen suchen müssen, wohin sie Energie am Donnerstag im Aufmacher versetzten. Am letzten Spieltag gelten eben auch die Gesetze der Geographie nicht mehr.

Nach dem letzten Spiel sind dann auch irgendwo die Straßen wieder voll. Meistens in München, immer wollen dann etwas anachronistische Fans feiern vor Rathäusern und mit Bürgermeistern. Ob sie am Marienplatz diesmal alleine bleiben, sollten die Bayern gewinnen? Denkbar, weil bei aller Nostalgie des letzten Spieltages doch auch die New Economy ruft: Als Finale der Champions League. Und dann wäre auch das Gesetz der Feierlichkeiten, der Autocorsos und Fahnenmeere außer Kraft gesetzt.

Der Trommelwirbel nimmt zu, wir geben ab zur Konferenzschaltung.

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