Sport : Versuch macht klug

Was Bassos Worte für den Radsport bedeuten

Mathias Klappenbach

Berlin - Der Wunsch war größer als das, was in der Realität daraus wurde. Das „Ende der Bunker-Mentalität“ hatte sich Thomas Bach, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, erhofft. Ein Beispiel, dass „Schule machen könnte“, sah der Teamchef von T-Mobile, Rolf Aldag, in dem angekündigten Geständnis von Ivan Basso. Ein großer Stein sollte aus der das Doping im Radsport umgebenden Mauer brechen. Doch Bassos Teilgeständnis dürfte all diejenigen enttäuschen, die gedacht haben, dass diese Mauer wie ein Kartenhaus zusammenstürzen könnte, wenn nur einer richtig auspackt.

Basso hat zugegeben, dass sein Blut in den bei Doktor Fuentes sichergestellten Beuteln ist, ein DNS-Abgleich hätte bald dasselbe Ergebnis erbracht. Des Dopings ist er damit nicht überführt, deshalb muss er es auch nicht zugeben. Genauso wie Jan Ullrich. Auch sein Blut ist in den ihm zugerechneten Beuteln. „Was soll er gestehen?“, fragte am Dienstag Ullrichs Anwalt Peter-Michael Diestel. „Ullrich hat keinen Seitensprung begangen oder sich sonst falsch verhalten. Was Basso tut, ist dessen Sache“, sagte Diestel der Deutschen Presse-Agentur. Ullrich und seine Rechtsvertreter würden laut Diestel weiter auf die Reaktionen der Justizbehörden warten: „Wenn es eine Anklage geben sollte, reagieren wir.“ Ullrich drohen weiterhin zwei Verfahren: eines wegen Betrugs zum Nachteil seines ehemaligen Arbeitgebers T-Mobile und eines wegen Falschaussage.

Das ist der Unterschied zu Ivan Basso. Versuchtes Doping ist in Italien nicht strafbar, und niemand hat Basso wegen Betrugs angezeigt. Es scheint fast so, als ob der erhoffte Kronzeuge glimpflich davon kommen wird, ohne über andere Beteiligte auspacken zu müssen. Dabei erhoffen sich selbst Ermittler in Deutschland Erkenntnisse. Die Staatsanwaltschaft Göttingen erwägt nach einem Bericht des „Harzkurier“, Basso im Zuge ihrer Ermittlungen gegen den Mediziner Markus C. durch BKA-Beamte zu vernehmen. Basso könne vielleicht Hinweise darauf geben, wie der verdächtigte Arzt Medikamente an Fuentes geliefert hat.

Basso wird wohl nur Dinge aussagen, die niemanden aus dem Radsport belasten. Er möchte seine Karriere fortsetzen, und einem Verräter gibt man keinen Windschatten. Nach wie vor trauen sich nur Leute, die sich aus der Radsportszene verabschiedet haben, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Die Anschuldigungen des ehemaligen Betreuers vom Team Telekom, Jef d’Hont, werden wohl mehr Folgen haben als Bassos Eingeständnis, obwohl sie vor allem die Vergangenheit betreffen.

Denn eines hat sich tatsächlich geändert, auch wenn es nur für das Sportrecht beziehungsweise die Arbeitsverhältnisse im Sport gilt und nicht für das Strafrecht. An die Stelle der Unschuldsvermutung, mit der sich viele Verdächtigte jahrelang verteidigten, ist die Schuldvermutung beziehungsweise die Erwartung getreten, dass Verdächtigte mit klaren Bekenntnissen jegliche Schuld von sich weisen. So geraten die vom ehemaligen Betreuer d’Hont beschuldigten T-Mobile-Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich deswegen ins Zwielicht, weil sie d’Hont nicht wegen Verleumdung verklagen.

Basso hat den mehr als 100 Fahrern, die von den spanischen Ermittlern verdächtigt werden, wohl vorgemacht, wie sie im Job bleiben könnten. Gestern bot auch sein ebenfalls verdächtigter Landsmann Michele Scarponi den Behörden seine Mitarbeit an. Andere haben mehr Zeit. Neue Ermittlungsergebnisse, die neben den Erkenntnissen über die seit einem Jahr verdächtigten 58 Profis auch solche über 49 weitere Fahrer enthalten sollen, können laut Weltverbandspräsident Pat McQuaid in diesem Jahr gar nicht mehr abgearbeitet werden.

Es ist also auch eine Frage der Praxis, inwieweit der Radsport sich selbst ausmisten kann. Ivan Basso hat nach einem Bericht der „La Gazetta dello Sport“ in den Jahren 2004 bis 2006 fünfstellige Summen an Doktor Fuentes gezahlt. Das ist eine ziemlich lange Zeit, um Doping nur zu versuchen. Da müsste man sich schon ziemlich dumm anstellen. Und Ivan Basso scheint schlau zu sein.

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