Sport : Viel Platz auf dem Platz

André Görke,Robert Ide

Bei Hertha BSC hat sich derzeit einiges verschoben. Atmosphärisch und zeitlich. Deshalb standen Spieler und Betreuer des Fußball-Bundesligisten am Donnerstag gegen 14 Uhr 30 auf dem Flughafen Berlin-Tegel herum und warteten auf ihr Gepäck. Eigentlich war für diese Zeit schon das Training am Olympiastadion angesetzt. Wenn alles normal gelaufen wäre beim 2:1-Sieg der Herthaner im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt. Doch es lief nicht normal. Und deshalb wurde die Zeit knapp.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Zunächst einmal mussten die Berliner am Mittwoch in die Verlängerung. Deshalb war ein Rückflug nach dem Spiel nicht mehr möglich. Erst am Tag nach dem mühsamen Sieg beim Zweitligisten landete die Hertha in Berlin. Hinzu kam eine Verspätung der Maschine. Eine Stunde wartete die Mannschaft in Frankfurt auf den Flieger. Die Spieler waren genervt. Und Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher auch: "Seit heute früh hätte ich 1000 Leute behandeln müssen. Jetzt stehe ich rum und kann nicht arbeiten."

Ulrich Schleicher hat viel zu tun. Denn die Mannschaft geht vor dem morgigen Bundesliga-Duell gegen Spitzenreiter Bayer Leverkusen (15 Uhr 30, Olympiastadion) am Stock. Ein Dutzend Spieler sind angeschlagen - mehr als ein komplettes Team. Sieben Spieler waren erst gar nicht mit nach Frankfurt geflogen: Deisler, Sverrisson, Beinlich, Konstantinidis, Alves, Marcelinho und Goor. Andreas Schmidt und Joe Simunic wurden erst einmal auf der Ersatzbank geschont. Angesichts der Personalnot saß sogar ein gewisser Oliver Schröder am Spielfeldrand, ein 21-jähriger Mittelfeldspieler, der sonst nur bei den viertklassigen Hertha-Amateuren spielen darf. Und auf dem Platz stand der 20-jährige Thorben Marx, der es in seiner jungen Bundesligalaufbahn zu lediglich zwei Einsätzen gebracht hat.

Im Verlauf des Pokalspiels wurden die Probleme noch größer. Nach einer halben Stunde musste Marko Rehmer mit einer Hüftprellung vom Platz. Wenig später erwischte es Ali Daei: Risswunde am Schienbein. Trainer Jürgen Röber brachte Josip Simunic und Roberto Pinto ins Spiel. Herthas Verteidiger Simunic, der den Ausgleich erzielte, klagte nach dem Spiel über starke Schmerzen im Zeh: "Der ist grün und blau." Auch Stürmer Michael Preetz hielt 120 Minuten durch - trotz schmerzhafter Adduktorenprobleme. Am Donnerstag humpelte Preetz auf dem Berliner Trainingsgelände herum. "Ich bin nicht sicher, dass ich Samstag spielen kann", sagte er und verschwand.

Bei Hertha hat sich einiges verschoben. Auch in der Mannschaft. Die Verletzungsserie macht aus ausgemusterten Spielern plötzlich Hoffnungsträger. Alex Alves - schon lange nicht mehr erste Wahl - kam am Donnerstag singend aus der Trainingskabine, sein Einsatz ist wieder erwünscht. Denn Alves ist nur leicht verletzt. Auch Marcelinho, Sverrisson und Rehmer sollen am Samstag wieder fit sein.

Das Training machte wenig Mut für das Spitzenspiel. Der angeschlagene Andreas Schmidt joggte ein paar Runden durch die Kälte, auf dem harten Platz schoben sich nur fünf Feldspieler die Bälle zu. Herthas letztes Aufgebot lockerte eine Stunde lang die Muskeln: Marcelinho, Alves, Sverrisson, Lapaczinski und der gewisse Oliver Schröder. Der Rest hatte nach dem Spiel frei oder lag beim Doktor. Auch Trainer Jürgen Röber fehlte beim Trainingsauftakt. Er saß im Haus der Mannschaft und erwartete offenbar Besuch, während sein Assistent Storck mit dem letzten Häuflein Hertha herumturnte.

Kurz nach drei Uhr dann Auftritt Dieter Hoeneß. Herthas Manager verschwand wortlos im Mannschaftsquartier, nach einer halben Stunde kam er wieder heraus und schaute kurz beim Training vorbei. Zehn Minuten später stieg er in sein Auto. In diesem Moment tauchte auch endlich Röber auf. Die beiden würdigten sich keines Blickes. Kein Wort, kein Wink. Ob Manager und Trainer vorher miteinander geredet und was sie möglicherweise besprochen haben, wollten sie nicht sagen. Doch dass sich die Gewichte bei Hertha BSC auch in der Trainerfrage verschoben haben, ist nach Ansicht vieler Beobachter unstrittig. Schon geistern Röbers mögliche Nachfolgekandidaten durch die Presse: Die beiden ehemaligen niederländischen Nationaltrainer Louis van Gaal und Frank Rijkaard, Ruud Gullit, Martin Jol, Erik Gerets, Michael Laudrup und sogar Herthas ehemaliger Kapitän Kjetil Rekdal sind im Gespräch. Hoeneß soll vom Aufsichtsrat die Ermächtigung bekommen haben, Verhandlungen aufzunehmen. Am Donnerstagabend traf sich der Aufsichtsrat im Grunewald-Hotel "Ritz Carlton". Eine Routine-Sitzung, hieß es offiziell. Aber was ist bei Hertha derzeit schon Routine?

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