Sport : „Viele Sportler vertrauen den Trainern blind“

Staatssekretärin Vogt über Doping in der DDR und heute

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Frau Vogt, vor knapp einem Jahr konnten Opfer des DDRDopingsystems eine Entschädigung beantragen. Wann erhalten sie endlich das Geld, das ihnen zusteht?

Wir haben bereits ausgezahlt. Die Bearbeitung der 306 Anträge ist weitgehend abgeschlossen. 185 Dopingopfern wurde bisher eine finanzielle Hilfe zugesprochen. Die Berechtigten haben zunächst eine Abschlagszahlung von jeweils 6000 Euro erhalten; die zweite Zahlung liegt bei rund 3700 Euro.

Finden Sie das ausreichend angesichts der langfristigen Gesundheitsschäden von einstmals gedopten Kindern und Erwachsenen?

Die Opfer systematischen Dopings können nie für ihr seelisches und körperliches Leid entschädigt werden. Die Unterstützung kann jedoch einen kleinen Ausgleich für materielle Nachteile schaffen, die sie erleiden mussten. Als die rot-grüne Koalition das Gesetz verabschiedet hat, forderte die Opposition 5000 Euro pro Person. Jetzt gibt es für jeden Berechtigten mehr Hilfe. Das kommt auch daher, weil viel weniger Sportlerinnen und Sportler einen Antrag gestellt haben, als alle erwartet hatten. Ich glaube, viele ehemalige Athleten haben sich nicht getraut, einen Antrag zu stellen, weil sie fürchteten, es könnte öffentlich werden. Mancher hat sich das vielleicht auch selbst nicht eingestehen wollen.

Welche Schwierigkeiten gab es noch?

Es gab Fälle, da wurden notwendige Unterlagen nicht eingereicht. Oder Akten waren vernichtet. Wir haben die gesetzliche Forderung, dass der Sportler seine Gesundheitsschädigung belegen muss, sehr großzügig ausgelegt. Ein ärztliches Gutachten, dass eine Schädigung durch Doping wahrscheinlich ist, wurde bereits anerkannt. Die Bedingungen waren so ausgelegt, damit möglichst viele die Hilfe in Anspruch nehmen konnten.

Warum klagen dann Opfer wie Karen König auf eine Entschädigung durch das NOK, das Nationale Olympische Komitee?

Die Bundesregierung und das Parlament haben das getan, was sie tun konnten. Klagen vor Zivilgerichten sind dennoch das gute Recht der Betroffenen.

Bisher hat das NOK sich nicht an Entschädigungszahlungen beteiligt.

Wir hätten uns gewünscht, dass das NOK einen Beitrag in den Hilfsfonds leistet. Die Finanzierung des Fonds wurde zum allergrößten Teil durch den Bund geleistet und nicht von Sportverbänden und Pharmafirmen. Das finde ich bedauerlich.

Was kann man aus der Entschädigung der DDR-Opfer lernen?

Für mich ist wichtig, dass sich Sportlerinnen und Sportler viel mehr um Aufklärung bemühen. Ich glaube, dass viele Sportler nicht überprüfen, was sie alles zu sich nehmen, sondern blind auf ihre Ärzte und Trainer vertrauen. Heute gibt es viel mehr Informationen über Nebenwirkungen von Medikamenten als zu DDR-Zeiten. Jeder Sportler muss sich fragen: Was schlucke ich da eigentlich?

Am besten wäre, er schluckt gar nichts…

Natürlich. Und das bringt mich zum zweiten Punkt, der mir wichtig ist: die Schädigung der Gesundheit. Bei Dopingfällen steht der Betrug gegenüber fairen Sportlern im Vordergrund. Doch müssen sich die Sportler nicht auch mal fragen: Was tue ich mir hier gesundheitlich an?

Birgit Boese war in der DDR als Kugelstoßerin ohne ihr Wissen gedopt worden. Heute muss sie viele Schmerzmittel nehmen und kann keine Kinder mehr bekommen.

Ein tragischer Fall. Leider gibt es davon viele, wie die Anträge zeigen. Frau Boese hat sich in der Dopingopfer-Beratungsstelle unglaublich engagiert. Ihre Arbeit verdient höchsten Respekt. In den kommenden zwei Jahren wird Frau Boese eine Studie über die Folgeschäden von DDR-Dopingopfern betreuen. Das Geld für das Projekt an der Humboldt- Universität ist bereits bewilligt. Das Wissen der Dopingopfer darf nicht verloren gehen. Die Opfer dürfen nicht vergessen werden.

Dient aber nicht eine einmalige Entschädigung gerade dazu, die Sache zu vergessen?

Nein. Es ist eine konkrete Hilfe für die Betroffenen. Ich fände es schön, wenn vielleicht eine Stiftung für DDR-Dopingopfer gegründet werden würde. Und dann wäre es begrüßenswert, wenn sich die Industrie an solch einem Projekt beteiligen würde.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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