Sport : „Vielleicht komme ich irgendwann zurück“

Stefan Beinlich über seinen Abschied von Hertha, den Hamburger SV und sein Verhältnis zu Trainer Stevens

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Herthas Manager Dieter Hoeneß hat am Montag bei der Mitgliederversammlung gesagt: „Stefan Beinlich ist nicht mehr der, der er war bei seiner Verpflichtung.“ Was hat er damit gemeint?

Er meint sicherlich, dass meine Leistungsfähigkeit nicht mehr so stark erscheint, wie sie vor drei Jahren war.

Stimmt das?

Ich glaube, dass ich immer noch auf einem sehr hohen Niveau Fußball spielen kann. Ich hatte das Pech, dass ich häufig verletzt war. Wenn ich fit war, habe ich als Stammspieler meine Leistung gebracht. Aber eben nicht so häufig, wie ich es mir vorgestellt habe.

Sie werden nach dem letzten Saisonspiel gegen Kaiserslautern zum Hamburger SV gehen. Diese Entscheidung haben Sie selbst getroffen – auch deshalb, weil Hertha die Personalie Beinlich so zurückhaltend behandelt hat.

Hertha wollte mir Ostern mitteilen, wie es weitergeht. Das war mir zu spät. Ich brauchte früher Klarheit, und die konnte oder wollte Hertha mir nicht geben. Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen und mich mit meinem Berater Jörg Neubauer zusammengesetzt. Gemeinsam haben wir uns nach einem neuen Verein umgeschaut.

Was hat denn nicht mehr gepasst zwischen Hertha BSC und Stefan Beinlich? Waren Sie zu teuer, zu aufmüpfig oder zu alt?

Zu alt mit 31 Jahren? Auf gar keinen Fall! Der Rest ist spekulativ.

Ist die neue Hertha vielleicht zu gut geworden für Stefan Beinlich?

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich glaube, ich kann mit allen noch ganz gut mithalten. Ich sehe mich auch nicht als Ergänzungs oder Einwechselspieler. Wenn ich von Beginn an dabei bin, dann kann ich dem Spiel immer noch meinen Stempel aufdrücken.

Anders formuliert: Ist ein Spielertyp wie Stefan Beinlich nicht mehr gefragt?

Ich glaube schon, dass er gefragt ist. Beim HSV sieht man es so, und darüber freue ich mich besonders.

War es ein Fehler, Sie gehen zu lassen?

Auf jeden Fall! Ich als Hertha-Offizieller hätte Stefan Beinlich behalten.

Warum?

Ich bin ein Spieler, dem der Erfolg der Mannschaft über alles geht. Einer, der nicht nur nach vorne spielt. Dazu kommt meine Erfahrung aus der Bundesliga und dem Europapokal. Das war dem HSV übrigens sehr wichtig. Die wollen, dass ich von dieser Erfahrung etwas an die jüngeren Spieler weitergebe. Zudem habe ich in der Mannschaft einen sehr guten Stellenwert. Und nicht zuletzt identifiziere ich mich mit dem Verein, mit den Fans und diese sich auch mit mir.

Bei Hertha sollten Sie auf Bewährung vorspielen, um einen neuen Vertrag zu bekommen. Haben Sie das als Demütigung empfunden?

Sagen wir mal so: Es hat mich enttäuscht. Ich hätte es verstanden, wenn man mir gesagt hätte: Pass auf, du warst lange verletzt, wir wollen sehen, ob du körperlich wieder den Anschluss schaffst. Aber muss ich mich sportlich beweisen? Ich bin 31, habe Jahre auf hohem Niveau gespielt und war im letzten Sommer noch auf Abruf für die WM nominiert. Nein, diese Aufforderung, noch dazu öffentlich formuliert, habe ich nicht verstanden, und ich verstehe sie heute noch nicht.

Ist das ein Mangel an Respekt?

Das weiß ich nicht.

Beim HSV mussten Sie nicht vorspielen.

Nein, es gab ein sehr gutes Gespräch mit Trainer Jara, Präsident Hoffmann und Manager Beiersdorfer. Sie haben mir zu verstehen gegeben, was sie von mir halten und was sie mit mir vorhaben. Danach war die Sache für mich ziemlich schnell klar.

Ihr Verhältnis zu Hertha-Trainer Huub Stevens war nicht spannungsfrei. Ende vorigen Jahres wurden Sie zweimal zum Rapport zitiert.

So etwas kommt vor. Das eine Mal hatten wir eine kleine Meinungsverschiedenheit wegen des Uefa-Cup-Spiels in Fulham, zu dem er mich nicht mitgenommen hat, weil ich angeblich verletzt war. Ich war aber nicht verletzt, und das habe ich eben gesagt.

Drei Tage später in Kaiserslautern haben Sie dann von Beginn an gespielt.

Ja, wir haben verloren, und danach wurde ich das zweite Mal zur Aussprache gebeten. Ich hatte in einem Interview gesagt, dass wir es unter Jürgen Röber und Falko Götz in der Rückrunde noch geschafft hatten, uns unter ähnlichen Voraussetzungen für den Uefa- Cup zu qualifizieren. Auch das hat dem Trainer nicht so gut gefallen. Sorry, aber so etwas wird man ja wohl sagen dürfen. Ich bin nun mal ein offener Typ.

Ist diese Streitkultur bei Hertha nicht erwünscht?

Was soll ich dazu sagen? Ich glaube, es tut einer Mannschaft immer gut, wenn sie über Spieler verfügt, die sich am Manager und am Trainer reiben. Christoph Daum hat das in Leverkusen genauso gefördert wie Frank Pagelsdorf in Rostock.

Bei den Fans sind Sie mit dieser Art sehr gut angekommen. Bei der Mitgliederversammlung gab es minutenlange Ovationen für Sie.

Das ist schon ein bewegender Augenblick, wenn der ganze Saal deinen Namen skandiert. Auch deshalb verlasse ich Berlin keinesfalls verbittert. Es war eine schöne Zeit, und ich wünschte, sie hätte länger gedauert. Aber wer weiß, was noch kommt. Vielleicht kehre ich irgendwann zum Verein zurück.

Vorher aber wollen Sie es Ihren Kritikern bei Hertha noch einmal richtig zeigen?

Alle, die mich abgeschrieben haben, werden sich noch wundern. Ich werde auch in den kommenden Jahren auf sehr hohem Niveau spielen. Das habe ich immer von mir verlangt, und das habe ich auch in der Rückrunde gezeigt. Ich habe zwar nicht allzu viele Spiele von Anfang an machen dürfen. Aber wenn ich dabei war, habe ich meine Leistung gebracht, zum Beispiel bei den Siegen gegen 1860 und Nürnberg. Das war ein Zeichen für mich: dass ich es schaffe, wieder dahin zu kommen, wo ich hinwill.

Zu diesem Zeitpunkt gehörten Sie schon nicht mehr zum internen Führungszirkel. Sie wurden vom Trainer nicht einmal mehr zu den Sitzungen des Mannschaftsrates eingeladen.

Ja, das war schon ein wenig seltsam. Im Trainingslager vor der Rückrunde war ich noch bei den Sitzungen dabei, dann irgendwann nicht mehr. Später bin ich dann auch als stellvertretender Kapitän abgesetzt worden. Das war so ein schleichender Prozess.

Wie haben Ihre Kollegen darauf reagiert?

Ein paar haben mich schon darauf angesprochen, aber ich hatte doch ohnehin keinen Einfluss darauf. Der Trainer hatte zu Saisonbeginn gesagt, dass er auf einen starren Mannschaftsrat keinen Wert legt, und dass irgendwie jeder auf dem Platz eine Art Kapitän ist.

Elf Kapitäne sind ein bisschen viel.

Na ja, wenn’s gut geht.

Es ist aber nicht gut gegangen in dieser Saison.

Wir haben immer noch die Chance auf einen Platz im Uefa-Cup. Alles hängt von diesem letzten Spiel gegen Kaiserslautern ab.

Wirklich? Kann man denn von einer guten Saison sprechen, wenn Hertha dieses Spiel gewinnt und dadurch noch Fünfter wird?

Nein, das kann man natürlich nicht, und das wird auch keiner tun, weder die Spieler noch der Trainer oder der Manager. Dafür gab es zu viele Spiele, die einfach zu schlecht waren.

Sie selbst haben Herthas Anspruch einmal sehr viel ehrgeiziger formuliert.

Sie meinen meine Äußerung vor zwei Jahren, dass ich mit Hertha Meister werden will? Das hat mir verdammt viel Ärger eingebracht, aber das Lustige ist ja: Wir hätten damals tatsächlich noch Meister werden können, wenn wir drei Spieltage vor Schluss in München beim FC Bayern gewonnen hätten.

Ihnen wurde damals vorgeworfen, Sie würden viel reden, auf dem Platz aber wenig zeigen.

Wenn man wie ich von der Meisterschaft spricht, muss man auf dem Platz als Vorbild vorangehen. Das konnte ich oft nicht. Wegen meiner Verletzung habe ich nicht die Leistung gebracht, die ich bringen wollte. Der Vorwurf jedoch ist unberechtigt. Ein gesunder Stefan Beinlich wird immer alles für den Verein geben, um die Ziele zu erreichen.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und

Michael Rosentritt.

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