Sport : Vierschanzentournee: Die Skispringer haben eine Erscheinung

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen. Die Fernsehbilder aus Garmisch-Partenkirchen dürften dem neuen Sponsor von Adam Malysz überhaupt nicht gefallen haben. Drei Tage zuvor hatte der Hersteller von Erfrischungsgetränken den Polen unter Vertrag genommen, weil dieser in Oberstdorf mit einem spektakulären Schanzenrekord von 132,5 Meter auf sich aufmerksam gemacht hatte. Man kann sich die Freude beim neuen Sponsor vorstellen, als Malysz dieses Kunststück beim zweiten Springen der Vierschanzentournee auf der Großen Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen wiederholte. Doch was tat der Pole, als er seine Ski abgeschnallt hatte und sich alle Fernsehkameras auf ihn richteten? Statt der Mütze seines neuen Geldgebers setzte er einen blauen Karnevalshut mit kleinen Glöckchen auf. Als sei er der Hofnarr der Skispringergilde.

Im Umgang mit seinen Sponsoren muss Adam Malysz noch dazulernen. Doch der schüchterne 23-Jährige aus Wisla ist es nicht gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. 1996 hatte er drei Weltcupspringen gewonnen, seither verzeichnete der Pole nur noch mäßige Ergebnisse. Auf der 49. Vierschanzentournee ist plötzlich alles anders. "Adam Malysz ist zurzeit eine Erscheinung", lobte der deutsche Bundestrainer Reinhard Hess. Der klein gewachsene Skispringer, der mit seinem Schnauzbart ein bissel wie Asterix aussieht, ist der beständigste Springer bei der Tournee. Seit er in Oberstdorf in der Qualifikation eine Bestweite vorlegte, landet Malysz mit seinen Reserve-Ski konstant im roten Abschnitt des Aufsprunghanges. Oder noch etwas weiter.

In Garmisch-Partenkirchen steigerte er den Schanzenrekord von Martin Schmitt um sechseinhalb Meter auf 129,5 Meter. Seine aufsehenerregende Weitenjagd gab zwar Punktabzüge bei der Technik, weshalb Malysz in Oberstdorf Rang vier und beim Neujahrsspringen nur Rang drei belegte. Insgesamt aber liegt der Pole nur zehn Punkte hinter dem Führenden bei der Tournee, Noriaki Kasai, und knapp zehn Punkte vor Martin Schmitt. "Ich gönne das jeder Nation", sagte Hess über den unerwarteten Aufschwung bei den polnischen Springern. In Wojciech Skupien, der Rang elf im Gesamtklassement belegt, rangiert ein zweiter Pole im Vorderfeld.

Was aber sind die Gründe für die unerwartete Leistungssteigerung? So genau weiß das keiner, selbst Adam Malysz nicht. "Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Trainerteam", sagt der Pole. Es ist wohl so, dass er mit seinem alten Trainer nicht gut ausgekommen ist. Der neue Nationalcoach, Apoloniusz Tajner, trainiert die Mannschaft allerdings auch schon seit 1998. Andere sagen, dass er sich zu sehr auf die Familie konzentriert habe. Malysz hat nach seinen Anfangserfolgen vor vier Jahren geheiratet und eine inzwischen zweijährige Tochter bekommen.

Was auch die Gründe sind, seine Leistungskurve zeigt auf beeindruckende Weise nach oben. In Garmisch-Partenkirchen musste er im K.-o.-Springen gegen Martin Schmitt antreten, weil der Führende im Weltcup auf seinen Qualifikationssprung verzichtet hatte. "Die Deutschen wollten uns nervös machen", vermutete Trainer Tajner. Es hat nichts geholfen. Nervenstark sprang Malysz auch im direkten Duell zwei Meter weiter als der deutsche Publikumsliebling.

Adam Malysz ist ein ruhiger Mensch. Auch die polnischen Journalisten wissen nicht allzu viel über den schweigsamen Athleten. Immerhin konnten sie in Erfahrung bringen, dass er einen zu ihm passenden Beruf gelernt hat: Dachdecker. Ist das nicht die Fortsetzung des Skispringens? Über den Dächern eines Dorfes in der Luft zu stehen, mit dem kleinen Unterschied keine Ski, sondern festen Boden unter den Füßen zu haben? Seinen Beruf hat Malysz allerdings nie ausgeübt. Mit 17 Jahren hatte er sich nach der Berufsschule dem Skispringen verschrieben. So bald wird er wohl auch keine Dächer decken müssen. 25 000 Mark Preisgeld brachte ihm die Vierschanzentournee bislang ein. Und auch das Verhältnis zu seinem ersten persönlichen Sponsor ist trotz der Hofnarren-Mütze von Garmisch nicht aussichtslos. Auf der Pressekonferenz trug er die finanziell einträglichere Kappe.

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