Sport : Vom Abstiegskandidaten zum Zünglein an der Meisterschale

Benedikt Voigt

Mit Fußball hat Frau Weidenbusch bislang noch nicht viel zu tun gehabt. Das merkt man daran, dass sie Sätze sagt, wie: "Ich war noch nie auf einem Fußballfeld" oder "im Olympiazentrum ist sicher nicht so eine gute Stimmung." Frau Weidenbusch meint wahrscheinlich "Fußballplatz" und "Olympiastadion", denn das Münchner Olympiazentrum ist vor allem eine U-Bahn-Station. Aber sie muss sich ja gar nicht im Fußball auskennen. Frau Weidenbusch ist eine fröhliche und freundliche Dame, die in der Rechtsanwaltskanzlei von Engelbert Kupka arbeitet. Dieser wiederum ist Präsident des Bundesligisten SpVgg Unterhaching, weshalb Frau Weidenbusch sagt: "Ich gehe auch hin."

Sie wird nicht allein sein. Seit Wochen sind die 11 500 Plätze im Unterhachinger Sportpark vergeben. Zusätzlich reisen heute rund 500 Medienvertreter zum Bundesligaspiel SpVgg Unterhaching gegen Bayer Leverkusen an, wenn sich die Meisterschaft der Saison 1999/2000 entscheidet. Journalisten aus Australien, Florida (USA), Japan oder Kroatien unterziehen die Spielvereinigung einem organisatorischen Härtetest. Pressesprecherin Ulla Holthoff, deren Telephon seit vier Tagen unaufhörlich klingelt, sagt: "Wir hätten auch 40 000 Karten verkaufen können." Das wären genau doppelt so viele Zuschauer, wie die kleine Gemeinde südlich von München Einwohner hat. Desweiteren haben sich angesagt: Vertreter des DFB mit dem Original der Meisterschale, Innenminister Otto Schily und Teamchef Erich Ribbeck. Das Rahmenprogramm steht bereits fest, wie Engelbert Kupka berichtet: "Wir werden mit allen im Gasthaus Wörnbrunn essen und dann zum Spiel gehen."

Wie gesagt, der Innenminister, der Teamchef, das Original der Meisterschale. Welch prominente Gäste, was für ein rasanter Aufstieg: vom belächelten Aufsteiger zum Überraschungsteam der Saison zum Meistermacher. "Die Regie hat das bestens hingekriegt", freut sich Kupka, "die ganze Liga ist im Meisterschaftsfieber und wir sind das Thermometer." Und, wie das unter Thermometern so üblich ist, unbestechlich. Von wegen Weißwürste oder Weißbier von den Bayern. "Die Mannschaft steht heute im Mittelpunkt der ganzen Bundesliga", berichtet Kupka, "die sind auch so heiß." Wenn Bayer drei Punkte abknöpft sind, so rechnet Kupka vor: "Dann haben wir dem FC Bayern sechs plus drei Punkte beschert, das muss reichen." Unterhaching hat in der Bundesliga zwei Mal gegen den FC Bayern verloren.

Ansonsten nicht mehr oft. Schon vor zwei Wochen sicherte sich Unterhaching mit dem 1:0 über Bremen vorzeitig den Klassenerhalt und das ist die eigentliche Überraschung der Saison. Dass ein Verein mit so vielen durchschnittlichen Spielern die Liga hält. Doch Trainer Lorenz-Günter Köstner verstand es, aus minder begabten Einzelspielern ein Kollektiv zu formen, das so fußballerische Primärtugenden wie Kampfkraft, Einsatzwillen und die Defensive pflegt. In Unterhaching bleibt der Bundesliga Mittelmäßigkeit aber auch Ehrlichkeit, Arbeitswillen und Humor erhalten.

"Das hatte doch keiner ahnen können, dass der kleine Fußballzwerg die Meisterschaft entscheiden kann", erklärt Kupka. Der kleine Fußballzwerg. Das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von der Spielvereinigung hat, und das die Unterhachinger hingebungsvoll fördern. Wenn der FC Bayern mit seinen Spielern in einer Autowerbung in Formation durchs Bild fährt, so drehen die Unterhachinger Gaudiburschen die Szene für einen lokalen Fernsehsender nach: auf Fahrrädern. Wenn sich Bayern-Spieler Stefan Effenberg in einer Werbeszene Mineralwasser über den Kopf schüttet, dann tun das Jochen Seitz und Alexander Strehmel auch - auf Hachinger Art. Im Biergarten des Sportparks Unterhaching gießen sie sich eine Maß Bier übers Haupt. Soll heißen: Schaut her, wir sind anders.

Dass das gar nicht stimmt, ist jeden Sonnabend zu sehen. Einfach, geradezu bieder, kommt Unterhaching zu seinen Zählern. Die Teams der Bundesliga merken das nur langsam. "Aber im nächsten Jahr werden sich die Gegner auf uns eingestellt haben", fürchtet Kupka, "wenn wir dann die Klasse halten, wäre das noch eine Steigerung." Noch besser als der Innenminister, Teamchef und das Original der Meisterschale im kleinen Sportpark.

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