Sport : Vom Kopf zurück auf die Füße

Marko Rehmer hat in der Vorsaison oft schlecht gespielt, sein Stammplatz ist in Gefahr – und doch wird er vielleicht Herthas neuer Kapitän

Stefan Hermanns

Tschagguns. Erbitterte Konkurrenten sehen anders aus. Marko Rehmer hat seinen Arm um die Schulter von Arne Friedrich gelegt, Friedrich seinen um die Schulter von Rehmer, und so gehen sie hinter ihren Kollegen zur abendlichen Mannschaftsbesprechung. Marko Rehmer sagt, dass er sich schon immer gut mit Friedrich verstanden habe. Schon immer, heißt: ein Jahr. So lange kennen sie sich jetzt, und dass sich seitdem einiges veränderte, hat der freundschaftlichen Beziehung nichts anhaben können. Im vorigen Sommer war Friedrich gerade der Zweiten Liga entkommen, galt als talentierte Nachwuchskraft; Rehmer hingegen war kurz zuvor mit der Nationalmannschaft Vizeweltmeister geworden und eine feste Größe bei Hertha. Die Statusunterschiede sind längst verschwunden. Friedrich wird nach nur einer Saison in der Fußball-Bundesliga schon als neue Führungskraft bei Hertha BSC gehandelt, hat es in Rekordzeit in die Nationalmannschaft geschafft und ist dort bereits Stammspieler. Rehmer nicht mehr. Und das Problem ist, dass ihm Friedrich gewissermaßen den Platz weggenommen hat.

Für Rehmer ist das eine ungewohnte Situation. Zum ersten Mal, seitdem er im Sommer 1999 für 7,5 Millionen Mark von Hansa Rostock zu Hertha BSC gewechselt ist, wird darüber spekuliert, ob er noch gut genug ist für die Stammelf. Zeitungen veröffentlichen vermeintliche Wunschformationen von Trainer Huub Stevens, und darin kommt der 31-jährige Verteidiger gar nicht mehr vor. „Lass die doch darüber nachdenken“, sagt Rehmer. Er habe auf so etwas noch nie geachtet. Für die Öffentlichkeit ist er im Moment so etwas wie das fünfte Glied der Viererkette. Rechts außen hat sich Friedrich unentbehrlich gemacht, und auf den beiden zentralen Positionen werden eher Dick van Burik und Josip Simunic gesehen - aber möglicherweise hat Stevens auch ganz andere Vorstellungen. Für ihn ist Rehmer „immer noch einer der besten deutschen Verteidiger“.

Anfang des Jahres hat Hertha den Vertrag mit Rehmer um zwei Spielzeiten verlängert. „Das tut man nicht umsonst“, sagt Stevens. Schon vor Weihnachten fanden die ersten Gespräche mit Rehmer statt – lange, bevor sich Hertha mit Dick van Burik zusammensetzte, um über eine weitere Zusammenarbeit zu verhandeln. Trotzdem gilt der Holländer neben Fredi Bobic, Niko Kovac und Arne Friedrich als einer der Kandidaten für das Amt des Mannschaftskapitäns. Rehmers Name ist in diesem Zusammenhang nie genannt worden. Dabei gehört er ebenfalls zu den Spielern, die Stevens der Mannschaft als Kapitänsanwärter vorgeschlagen hat. Eine Garantie auf einen Stammplatz ist das allerdings nicht. In der vergangenen Saison war Michael Preetz noch Kapitän, und doch hat er nur 22-mal von Beginn an gespielt.

Dass van Burik in der öffentlichen Wertschätzung an Rehmer vorbeigezogen ist, liegt vor allem daran, dass er eine überzeugende Rückrunde gespielt hat. Rehmer nicht. Die schlechten Spiele im Frühjahr haben die Wahrnehmung seiner guten Auftritte in der Vorrunde ein wenig überlagert. „Man darf nicht nur das Ende der Saison sehen“, sagt Rehmer. Stevens ist ähnlicher Meinung: „In bestimmten Spielen ist er ein Vorbild gewesen und hat sich durchgekämpft, bis es nicht mehr ging.“

Die Öffentlichkeit aber befasst sich lieber mit seiner Verletzungsanfälligkeit, und zwar so ausgiebig, dass Rehmer selbst sagt: „Ich möchte auch mal was anderes über mich lesen.“ Natürlich hängen die Spekulationen über seine künftige Rolle bei Hertha auch damit zusammen, dass er in der vergangenen Saison oft gefehlt hat. Trotzdem findet es Rehmer seltsam, dass er seinen Stammplatz schon verloren haben soll, „obwohl das Training noch gar nicht richtig angefangen hat“. Huub Stevens sagt: „Marko weiß mit den Spekulationen umzugehen. Und ich weiß es auch.“ Das sollte Rehmer am meisten beruhigen. Auf öffentliche Spekulationen hat Herthas Trainer noch nie Rücksicht genommen.

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