Von der Liebe beflügelt : Serena Williams spielt so gut wie nie

35 Siege aus den vergangenen 36 Matches. Der Titel in der Frauenkonkurrenz bei den Australian Open geht nur über die US-Amerikanerin Serena Williams. Ihre Topform hat auch private Gründe.

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Wer hüpft, gewinnt. Serena Williams geht als große Favoritin in die Australian Open.
Wer hüpft, gewinnt. Serena Williams geht als große Favoritin in die Australian Open.Foto: REUTERS

Die Rod-Laver-Arena ist für die Augen der Besucher im Melbourne Park noch hermetisch abgeriegelt. In den Tagen vor Beginn der Australian Open, während auf den Außenplätzen die Qualifikationsrunden laufen, ist der Hauptplatz ausschließlich den Topstars vorbehalten. Ruhiges, abgeschottetes Training ohne Beobachter, so gefällt das auch Serena Williams. In knallengen neonrosafarbenen Leggings hüpfte die Amerikanerin am Donnerstagmorgen wieder und wieder am Netz hin und her und donnerte angriffslustig einen Volley nach dem anderen ins Feld. Die Signalfarbe war im Grunde überflüssig, nicht nur wegen der fehlenden Zuschauer. Denn auch so schaut jeder auf Serena Williams. Seit Monaten ist die 31-Jährige zur erbarmungslosen Macht im Frauentennis wiedererstarkt, und in Melbourne kann sie sich wohl nur selbst schlagen.

„Ich habe mir viele meiner alten Matches auf Youtube angeschaut“, sagte Williams kess, „und ich muss sagen, ich spiele jetzt mein bestes Tennis.“ An Selbstbewusstsein hat es der Jüngeren der beiden Williams-Schwestern nie gemangelt, doch die Fakten geben ihr Recht. Die 15-malige Grand-Slam-Siegerin hatte in der Vorwoche in Brisbane ihren 47. Einzeltitel gewonnen und damit ihre geradezu beängstigende Form untermauert. Seit mittlerweile 16 Matches in Folge ist Williams ungeschlagen, ihr persönlicher Rekord liegt bei 21 Siegen hintereinander.

Dieser grandiose Lauf stammt aus der bisher außergewöhnlichsten Phase ihrer Karriere, die sie mit dem von ihr getauften „Serena Slam“ krönte. Zwischen 2002 und 2003 gewann Williams vier Grand-Slam-Titel am Stück. Da ihr dieses Meisterwerk nicht innerhalb eines Kalenderjahres gelang, war es kein offizieller Grand Slam. Nun erstarrt die Konkurrenz erneut in Ehrfurcht vor ihr. „Sie könnte die beste Spielerin aller Zeiten werden“, glaubt die amerikanische Tennislegende Billie Jean King. Und Altmeisterin Martina Navratilova twitterte zuletzt den kleinen Seitenhieb: „Sie hat mich und Chris fast eingeholt, und ich hasse das.“ Gemeint waren die 18 Grand-Slam-Titel, die sie und Evert in ihrer Karriere gewannen und die Williams bald überflügeln könnte.

Mehr noch, Williams könnte nach den Australian Open sogar Everts Bestmarke knacken und als älteste Spielerin aller Zeiten die Nummer eins der Welt werden. Dafür müsste Williams nicht einmal die Trophäe im Melbourne Park gewinnen. Doch wer sollte sie daran hindern? Titelverteidigerin Viktoria Asarenka ist nicht nur angeschlagen, sondern hat gegen Williams auch eine grausame Bilanz von elf Niederlagen in zwölf Matches. Dass die Amerikanerin Asarenka dazu noch vom Thron der Weltrangliste stoßen könnte, würde in Williams’ Augen nur die natürliche Ordnung wiederherstellen. Gefühlt sieht sie sich immer als die Beste, sie wäre es wohl auch faktisch längst, würde sie nicht so wenige Turniere pro Saison spielen.

Zehn Jahre nach ihrem ersten „Serena Slam“ liegt Williams nun klar auf Kurs für die Neuauflage dieses Kunststücks. Wimbledon und die US Open hat sie bereits gewonnen, dazwischen sogar noch olympisches Gold in London. Damals hatte sie sich für den „Serena Slam“ durch ihr gebrochenes Herz in eine Art trotzigen Rausch gespielt: „Der Kerl sollte mein Gesicht immer und überall sehen, damit er immer daran erinnert wird, wie schäbig er mich behandelt hat.“ Dieses Mal scheint sie die Liebe im positiven Sinne zu beflügeln, denn mit ihrem französischen Trainer Patrick Mouratoglou hat sie offenbar nicht nur ihr berufliches, sondern auch privates Glück gefunden – obwohl sie es beharrlich dementiert. Nach dem peinlichen Erstrundenaus in Paris 2012 war er es, der sie wieder aufbaute. Nie zuvor hatte sie andere Coaches als ihre Eltern gekannt und mit niemandem sonst als ihrer Schwester Venus trainiert. Trotzdem sagt Williams nur, „innerer Frieden und Ruhe“ seien die Gründe für ihre Form. Während des Trainings in der Rod-Laver-Arena spielten beide ihre Rollen professionell, dann packte Serena Williams ihre Sachen zusammen. Im stillen Einverständnis trug Mouratoglou ihre Schlägertasche hinaus. Als Freund, nicht mehr als Trainer.

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