Sport : Von der Spitze in die Breite

Das Team Telekom tut sich schwer mit seiner neuen Rolle im deutschen Radsport

Christian Hönicke

München . Diesmal ist es anders. Am 5. Januar beginnt für die meisten Fahrer des Teams Telekom die neue Radsportsaison mit einem Trainingslager auf Mallorca. Das ist jedes Jahr so. Doch zum ersten Mal werden sich die Profis von Telekom in dem Bewusstsein über die Berge der Mittelmeerinsel quälen, nur noch die Nummer drei in Deutschland zu sein. Nach einem durchwachsenen Jahr findet sich das Team Telekom nur noch auf Platz zwölf der Weltrangliste wieder – hinter den Teams Coast und Gerolsteiner. Das schmerzt – auch wenn es bei Telekom niemand zugeben würde.

„Wir orientieren uns nicht an Coast und Gerolsteiner, wir wollen wieder zurück in die Weltspitze“, sagt Pressesprecher Olaf Ludwig. Durch die neue Situation könne man doch bei jedem Rennen eine Spannung aufbauen, die der ganzen deutschen Radsportkultur zugute käme. Immerhin starten nun drei deutsche Rennställe bei der Tour de France. Völlig emotionslos wird das neue Kräfteverhältnis aber doch nicht registriert. „Natürlich sind wir nicht glücklich, wenn wir nicht vor Coast und Gerolsteiner stehen“, gibt Ludwig zu.

Das ist auch der Sponsor, die Deutsche Telekom, nicht. Der Sportsponsoring-Beauftragte Jürgen Kindervater hat schon einmal klar gemacht, dass sein Unternehmen „gewisse Erfolge einfordert“. Der Vertrag läuft 2005 aus. „Ein Jahr wie das letzte können wir uns nicht noch einmal leisten“, sagt Erik Zabel. Die Ziele für die neue Saison: viele Siege bei den Klassikern wie Mailand – San Remo und beim Höhepunkt Tour de France.

Leicht wird der angestrebte Aufschwung jedoch nicht. Erik Zabel ist zwar Weltranglistenerster, aber vermutlich schon über den Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit hinweg. Zudem ist der Großteil des Teams noch auf einen Mann ausgerichtet, der längst nicht mehr da ist: Jan Ullrich. „Bobby Julich zum Beispiel ist als Edelhelfer zu uns gekommen“, erklärt der Sportliche Leiter Rudy Pevenage. „Aber jetzt haben wir keinen Kapitän für die Tour de France. Unsere Mannschaft ist eher in die Breite gebaut.“ Gleich fünf Fahrer gibt es, die in der Gesamtwertung der Tour einen Platz unter den ersten zehn belegen können – allen voran Giro-d’Italia-Sieger Paolo Savoldelli, Zeitfahrweltmeister Santiago Botero und Nachwuchsstar Cadel Evans. Mit diesem Arsenal guter Fahrer will man Lance Armstrong das Leben schwer machen. „Wir haben allerdings keinen Mann, der das Potenzial für einen Gesamtsieg hat, das muss man klipp und klar sagen“, gibt Olaf Ludwig zu.

So ein Mann könnte demnächst bei der deutschen Konkurrenz fahren. Denn Jan Ullrichs Engagement bei CSC Tiscali wird immer unwahrscheinlicher, weil der dänische Rennstall keinen zweiten Sponsor findet, um den Tour-Sieger von 1997 zu bezahlen. Ullrich liegt ein Angebot von Coast vor. Muss das Team Telekom Jan Ullrich im Coast-Trikot nicht mit allen Mitteln verhindern, weil sich sonst das Interesse der Deutschen vom eigenen Team abwendet? „Ach was“, sagt Ludwig. „Jan nimmt das Interesse immer mit, egal, wo er hingeht.“

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