Sport : Von Hollywood nach Charlottenburg

Heute vor 70 Jahren wurde Olympia 1936 in Berlin eröffnet: Spiele, die Los Angeles 1932 viel verdankten

Christopher Young

Es ist schon paradox: Mit den Olympischen Spielen von 1972 in München wollte sich die Bundesrepublik der Welt als das neue, geläuterte Deutschland präsentieren. Doch die Spiele waren nicht zuletzt auch deshalb wieder nach Deutschland vergeben worden, weil viele der wahlberechtigten Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch so begeisternde Erinnerungen an die Spiele von 1936 hatten – Hitlers Spiele, die Spiele der Nazis, die Spiele von Berlin. Heute vor 70 Jahren wurden sie eröffnet.

Im kollektiven Bewusstsein der Menschen gilt Olympia 1936 weltweit keineswegs hauptsächlich als Nazi-Veranstaltung. Die Spiele von Berlin werden als bahnbrechendes Sportspektakel, als Wendepunkt in der Geschichte der Olympischen Spiele gesehen. Dabei wird meist unterschlagen, wie viel Berlin 1936 den Spielen von Los Angeles vier Jahre zuvor verdankt. Schon Olympia 1932 setzte sich ab von seinen Vorgängern in Sachen Organisation, Technologie, Glamour und Symbolismus. Amsterdam 1928 war ein organisatorisches Desaster. Viele Wettkämpfe starteten mit Verspätung. Immer wieder verpassten die Journalisten aus aller Welt ihre Andruckzeiten. Die Amerikaner dagegen setzten Maßstäbe professionellen Sportmanagements. Ihre Medien trompeteten danach, dass die USA „wie ihre antiken Vorbilder Beispiele gesetzt haben, die die gesamte Menschheitsgeschichte überdauern werden“, und „den Ruhm Griechenlands in brillanter Weise und unüberschaubarer Größe“ wiederbelebt hätten.

Carl Diem, Organisator der Spiele 1936, nahm 1932 in Kalifornien Anschauungsunterricht und hielt die amerikanischen Selbsteinschätzungen durchaus für berechtigt. Immerhin erlebte er schon seine fünfte olympische Eröffnungsfeier, doch der deutsche Sportfunktionär fand die „überwältigende Erfahrung“, an jenem Tag in das Stadion von Los Angeles einzumarschieren, schlicht „atemberaubend“. Diem war kaum weniger beeindruckt von den Verkehrsmitteln, den Trainingsstätten und den Unterkünften für Athleten und Gäste.

Los Angeles 1932 steuerte viel zum olympischen Zeremoniell bei, das sich seit der Wiederbelebung der Spiele 1896 in Athen entwickelt hatte. Schon 1896 hatte es – inspiriert durch die Weltausstellung 1889 in Paris – eine Eröffnungszeremonie mit Flaggen, Hymnen und Tauben gegeben. Schon damals wurden die Sieger mit einer Fahnenzeremonie geehrt. In Antwerpen 1920 kam der olympische Eid hinzu, zu schwören unter der erstmals verwendeten Flagge mit den fünf Ringen. In Amsterdam 1928 brannte erstmals das olympische Feuer.

In Los Angeles 1932 kam das Podium für die Medaillenübergabe hinzu – und noch viel mehr. Hollywood lag gleich um die Ecke. Die Amerikaner verfeinerten die Eröffnungsfeier mit Showelementen. Eine Vorlage, die gern aufgenommen wurde: Seither nutzt jeder Gastgeber die Zeremonie, um sich selbst mehr oder weniger unterhaltsam der Welt zu präsentieren. Mindestens ebenso wichtig war das erstmals in L.A. errichtete olympische Dorf, inzwischen längst ein zentrales Element der olympischen Erfahrung der Athleten. Damals war die Idee eines olympischen Dorfes entwickelt worden, um den Mannschaften günstige Unterbringungsmöglichkeiten in Zeiten der Depression zu verschaffen. Daraus aber entstand etwas Symbolisches, das weit über die Notwendigkeit, ein Dach über dem Kopf zu haben, hinausging: Die olympische Familie bekam ihre eigene kleine Stadt.

Carl Diem war überwältigt von den Superlativen, die er in Los Angeles zu Gesicht bekommen hatte, doch in ihm entbrannte der Wunsch, die USA zu übertreffen. Er baute auf die Sportleidenschaft der Deutschen, „die nicht geringer ist als die der Amerikaner“ und war guter Dinge, dass Olympia 1936 „alle anderen Ereignisse in den Schatten stellen wird“. Er war auch davon überzeugt, dass „der technische Aspekt sich von selbst löst“. Das dachte er schon 1932, bevor die Nazis an die Macht kamen. Als sie sich ein Jahr später des olympischen Projektes annahmen, wurden Diems Träume noch weit übertroffen. Hitler hatte die Spiele für sich entdeckt und als Aufgabe für die ganze Nation umdefiniert. Die deutsche Olympiamannschaft wurde schon drei Jahre vor den Spielen versammelt und konnte sich mit genügend Zeit und modernsten Trainingsmethoden vorbereiten. Mit Erfolg: Deutschland führte die Siegerlisten 1936 an und verdrängte die USA zum ersten Mal seit 1912 vom ersten Platz. 1928 waren die Deutschen Zweiter gewesen, 1932 hatte es gerade einmal zu Platz fünf gereicht.

Sowohl die „Nationalisierung“ des Olympiaprojekts als auch die hohen Investitionen in sportlichen Erfolg waren zentrale Punkte in der Strategie der Nazis. Doch sie verwirklichten Forderungen, die Carl Diem schon 1932 vorgetragen hatte. Entsprechend groß war Diems Freude über den politischen Wandel in Deutschland. Vor der Machtübernahme der Nazis war er von Spielen ausgegangen, die insgesamt vier Millionen Reichsmark kosten würden. Danach gab Deutschland allein für das Olympiastadion sechsmal so viel aus.

„Es gab kaum etwas, das irgendein moderner Erfinder noch hätte hinzufügen können“, schrieb der damalige US-Botschafter in Berlin, William E. Dodd, über die technische Ausstattung der Spiele 1936. Es war also alles da, was Amerika vier Jahre zuvor zu bieten hatte – und noch etwas mehr. Erstmals – und seitdem immer wieder – wurde zum Beispiel die olympische Flamme in einem Staffellauf aus dem antiken Olympia in die Gastgeberstadt gebracht.

Doch Berlin 1936 kam nicht aus dem luftleeren Raum, wie es mancher verklärte Blick zurück suggeriert. Vieles wurde von Los Angeles 1932 übernommen und perfektioniert. Das olympische Dorf zum Beispiel oder der Glamour der Partys und Festivals mit Ufa-Stars, die mit Hollywood durchaus konkurrieren konnten.

Und dann war da noch ein fundamentaler Unterschied: der politische Rückhalt. Der Bundesstaat Kalifornien hatte vor dem Börsencrash zwar noch Staatsanleihen für Olympia 1932 aufgelegt. Aber die US-Regierung gab sich knauserig. Die Nationalsozialisten dagegen setzten sich souverän über die ohnehin widersprüchliche, aber noch 1972 offiziell vertretene Klausel in der Olympischen Charta hinweg, nach der die Spiele an eine Stadt und nicht an ein Land vergeben werden. Berlin stellte Los Angeles in den Schatten, weil es mit nationaler Finanzierung vorgehen konnte – und mit nationalem Ehrgeiz.

Der Autor ist Germanist an der Universität Cambridge und arbeitet zurzeit an einem Buch über die Olympischen Spiele 1972 in München.

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