Sport : Von verpassten Zielen

Auch heute in Frankfurt kann Hertha die schlechte Saison nicht mehr retten

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Kein Saisonziel ist auch ein Ziel. Aber selbst das wurde verpasst. Schon in der Winterpause. Immer wieder hatten sie beim Fußball-Bundesligisten Hertha BSC betont, dass die Entwicklung der Mannschaft in dieser Saison Priorität habe – ganz unabhängig vom Tabellenplatz. Dieses Konzept war zwar etwas schwammig, aber doch schlüssig, weil Hertha den Kader der ersten Mannschaft vor allem mit Nachwuchsspielern verstärkt hatte. Der ehemalige Trainer Falko Götz aber ließ sich im Winter-Trainingslager in Marbella schließlich dazu hinreißen, ein konkretes Ziel zu formulieren: „Wir wollen den fünften Platz verteidigen. Mindestens.“ Auf den ersten Blick wirkte dieses Bekenntnis logisch. Hertha stellte die zweitbeste Heimmannschaft der Hinserie der Bundesliga. „Und wir haben im Trainingslager so konzentriert gearbeitet wie schon lange nicht mehr“, sagte Manager Dieter Hoeneß.

Heute bei Eintracht Frankfurt geht es für die Berliner allerdings nur noch darum, „dass wir ein tolles Spiel abliefern“ (Trainer Karsten Heine). Für Hertha und auch für Eintracht Frankfurt wird sich nichts mehr entscheiden – es geht weder um den Abstieg noch um die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb. Bei einer Niederlage droht den Berlinern allerdings die schlechteste Platzierung seit dem Wiederaufstieg in die Bundesliga vor zehn Jahren. 2003/2004 wurde Hertha nach einer schwachen Saison Zwölfter. Auf diesem Rang steht Hertha vor dem letzten Spieltag dieser Saison.

In der Rückserie dieser Spielzeit konnte Hertha bislang lediglich vier Bundesligaspiele gewinnen, zwei davon im Olympiastadion. Um im oberen Tabellendrittel mitspielen zu können, ist das deutlich zu wenig. Völlig unvermittelt kam der Einbruch allerdings nicht. Ein genauer Zeitpunkt lasse sich für den Beginn der Krise auch gar nicht festmachen, sagte Kapitän Arne Friedrich. In der Hinrunde hatte seine Mannschaft etwas über ihren Möglichkeiten gespielt – und in Marko Pantelic und dem Glück, vor allem bei Heimspielen, zwei Helfer gefunden, die den Berlinern in der Rückserie kaum noch zur Seite standen. Pantelic traf nur noch drei Mal, nachdem er in der Hinrunde zehn Tore erzielt hatte.

Der Sturm der Berliner funktionierte über die gesamte Spielzeit betrachtet von allen Mannschaftsteilen allerdings am besten. Christian Gimenez schaffte zwölf, Pantelic dreizehn Tore. Die beiden sind schon vor dem letzten Spieltag das zweiterfolgreichste Sturmduo seit Herthas Wiederaufstieg. Michael Preetz (23 Tore) und Ilija Aracic (5) hatten 1998/1999 zusammen 28 Treffer erzielt. Was Hertha in dieser Spielzeit im Angriff noch fehlte, war ein dritter guter Stürmer, der einspringt, wenn die ersten beiden wenig treffen (so wie Gimenez in der Hin- und Pantelic in der Rückrunde).

Ansonsten haben sich die Profis kaum positiv entwickelt. Das Mittelfeld enttäuschte. Yildiray Bastürk kam wegen verschiedener Verletzungen selten zum Einsatz. Wenn er spielte, überzeugte er so gut wie nie. Der hochtalentierte Kevin-Prince Boateng schöpfte seine Möglichkeiten nicht aus. Der 20 Jahre alte Patrick Ebert konnte zu Beginn der Saison und später noch einmal in Ansätzen zeigen, wie flink er ist. Ähnlich wechselhaft trat der 20-jährige Chinedu Ede auf. Der brasilianische Nationalspieler Gilberto spielte eine passable Hinrunde, doch nach der Winterpause zeigte er fast nichts mehr von seinem Können. Unter Trainer Karsten Heine blühte er zuletzt immerhin noch einmal auf.

Die Abwehr entwickelte sich am weitesten – und zwar zurück. Vor zwei Jahren stellten die Berliner noch die sicherste Abwehr der Liga. In diesem Jahr ist es die zweitschwächste. Und zwar in derselben Besetzung wie damals. Josip Simunic fiel vor allem durch Platzverweise auf, der Sicherheitsfanatiker Malik Fathi patzte, auch Dick van Burik konnte nicht richtig überzeugen. Friedrich spielte noch am stabilsten. Und die größte Stärke von Torwart Christian Fiedler war es lange, keine Fehler zu machen. Das lässt sich nach dieser Spielzeit nicht mehr behaupten. Die Berliner suchen nach einer neuen Nummer eins.

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