Sport : Vorbild unter Vorbehalt

Jan Ullrich will künftig auch als Nachwuchstrainer arbeiten – nicht alle freuen sich darauf

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Berlin - Als Jugendtrainer Achim Schmidt mit den Jungs des Pulheimer SC im vergangenen Frühsommer ins Trainigslager fuhr, war Jan Ullrich gerade von der Tour de France ausgeschlossen worden, wegen Dopingverdachts. In ihren Kinderzimmern „haben die Kids Ullrichs Poster abgehängt“, erzählt Schmidt, Dozent an der Sporthochschule Köln. Durch Ullrich, das große Idol, waren sie zum Radsport gekommen, nun verbannten sie ihn aus ihren Herzen und Köpfen. „Sie stehen Ullrich kritisch gegenüber.“ Sollte er allerdings bei ihrem Verein zu Gast sein, um etwa ein Training zu leiten, „würden sie den Termin wahrnehmen und ihn gerne kennenlernen. Sie wären neugierig“, sagt Schmidt.

Dazu wird es nicht kommen, denn dass der unter Dopingverdacht stehende Ullrich Minderjährige trainiert, hält Schmidt „zu diesem Zeitpunkt für problematisch“. Es wäre das falsche Signal an die Kinder. Außerdem müsse sich der durch die Dopingproblematik in Verruf geratene Radsport „aus sich selbst regenerieren. Bei den jüngeren Jahrgängen muss man etwas verändern, bei den älteren bringt es nichts mehr.“

Nicht alle denken so. Ullrich wird künftig für das Team Volksbank tätig sein. Als Berater, aber auch in der Nachwuchsförderung. Er freue sich, sagte Ullrich, „dass das Team eine aktive Jugendplanung betreibt, und da werde ich mich einbringen“. Der Aufbau eines Farmteams mit Talenten ab 13, 14 Jahren ist in Vorarlberg geplant. Was Ullrich im Jugendbereich tun wird, wird erst bei einer Präsentation am 13. März bekannt gegeben. Otto Flum, Präsident des Österreichischen Radsport-Verbandes (ÖRV), findet es „nicht verwerflich“, dass Ullrich mit Minderjährigen zusammenarbeiten soll. „Er ist nicht verurteilt. Was sagen Sie denn den Kindern, wenn er freigesprochen wird und sie nicht mit ihm arbeiten durften?“

Beim Team Volksbank beeilt man sich, ungefragt darauf hinzuweisen, was alles im Anti-Doping-Kampf getan wird. Sprecher Michael Fruhmann verweist auf ein – seinen Angaben nach vom eigenen Rennstall initiiertes – Projekt des „Gläsernen Radprofis“. Nachdem 2006 zwei österreichische U-23-Fahrer wegen Dopings gesperrt worden waren, einigten sich Teams, ÖRV und das Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung (IMSB) in Wien auf eine Kooperation. Von je einem Fahrer pro Top-Team sollen unter anderem Blutprofile angelegt werden, die dann auf Veränderungen kontrolliert werden können. Der Öffentlichkeit, Sponsoren, aber auch dem Nachwuchs solle bewiesen werden, dass „Fahrer gewinnen können und dabei 100 Prozent clean sind“, hieß es in einer Verbandsmitteilung. Ist es nicht merkwürdig, ein solches Projekt anzugehen und gleichzeitig Ullrich für den Nachwuchsbereich zu holen? „Da kann ich nicht widersprechen“, sagt IMSB-Direktor Hans Holdhaus, „mir wäre es tausendmal lieber, wir hätten eine Klärung des Falls.“

Professor Elk Franke, der sich am Institut für Sportwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität mit Ethik im Sport beschäftigt, spricht im Hinblick auf Ullrichs Engagement von der „Doppelmoral des Sports“. Das Team habe keinen Fahrer verpflichtet, gegen den ein Dopingverdacht besteht. Doch gleichzeitig wolle man sich seine Sachkompetenz zunutze machen. In dem Moment, in dem jemand wie Ullrich mit Jugendlichen arbeite, „wird er zur Leitfigur gemacht. Das ist, als ob man den Bock zum Gärtner macht.“

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