Sport : Vorfahrt Holland

Wie Slippens und Stam das Berliner Sechstagerennen gewannen

Helen Ruwald

Berlin - Es war Mitternacht, und alle warteten nur noch auf Franco Marvulli. Der Schweizer zockelte auf seinem Rad über die Bahn des Velodroms zur Siegerehrung der drei erstplatzierten Teams, so lustlos wie langsam. Er fuhr freihändig, zuckte die Schultern und hob ratlos die Hände. „Was hätte ich denn noch tun sollen?“, wollte Marvulli mit seinem Körper sagen. Auf der Zielgeraden der Großen Schlussjagd über 60 Minuten, 208 Runden und 52 Kilometer war Robert Slippens im letzten Sprint an ihm vorbeigezogen und hatte das Sechstagerennen an der Seite von Danny Stam gewonnen. Nach den vorherigen fünf Nächten hatten viermal Marvulli und sein italienischer Partner Marco Villa vorne gelegen, einmal die am Ende drittplatzierten Deutschen Guido Fulst und Leif Lampater – kein einziges Mal die Holländer, die sich lachend gemeinsam den goldfarbenen Siegeskranz überstülpen ließen. Es war bereits ihr dritter Sechstagesieg in diesem Jahr nach Rotterdam und Bremen und ihr achter insgesamt.

Vor der letzten Jagd waren die drei führenden Teams rundengleich gewesen, ebenso, als die Wertungssprints begannen. Sie mussten über Triumph und Tragik entscheiden. Mit vier Punkten Vorsprung gingen Marvulli/Villa in den ersten der fünf Sprints, mit vier Punkten Rückstand auf die Sieger beendeten sie den fünften Zweikampf. Viermal setzte sich der extrem sprintstarke Robert Slippens gegen den langen Franco Marvulli durch. „Fünf Runden vor dem Ziel habe ich auf die Anzeigetafel geschaut und gewusst, dass wir den letzten Sprint gewinnen müssen“, sagte Slippens. Sicher, dass es auch geklappt hatte, „war ich aber erst hinter der Ziellinie“. Angekündigt hatten sie ihren Sieg schon vor der ersten Nacht. „Sie haben gesagt, sie wollen hier gewinnen. Mit fester Stimme, aber bescheiden, kein bisschen überheblich“, erzählt Rennleiter Otto Ziege.

Die Holländer, 2005 WM-Zweiter im Zweier-Mannschaftsfahren, fuhren Ende 1998 in Dortmund ihr erstes Sechstagerennen. Sie wurden Letzte, mit 56 Runden Rückstand. Rolf Aldag und Silvio Martinello siegten damals vor Bruno Risi und Kurt Betschart. Aldag beendete am Dienstag in Berlin seine Karriere, Martinello ist bereits abgetreten, Risi verletzt, Betschart wurde mit neuem Partner und vier Runden Rückstand Siebter.

Aus den Lehrlingen von damals sind die neuen Sechstage-Stars geworden. Wie Risi und Betschart treten sie – Verletzungen ausgenommen – nur gemeinsam an. Andere Fahrer bekommen bei jedem Sechstagerennen einen neuen Partner zugeteilt, nicht so der 30-jährige Slippens und der 33-jährige Stam. Als Duo haben sie sich etabliert, werden von den Fans geschätzt und gefeiert. Was, wenn ein Veranstalter nur Slippens einlädt, nicht aber Stam? „Dann bleibe ich zu Hause“, sagt Slippens. „Wir haben gemeinsam angefangen, wir hören auch gemeinsam auf“, sagt Stam, dessen Vater Cees Steher-Weltmeister war. Bei diesen Rennen fährt der Sportler im Windschatten eines Motorrads über die Bahn. Auch Danny Stam versuchte sich als Steher. Dass er nicht dabei geblieben ist und so die Gründung des Duos Slippens/Stam erst ermöglicht hat, dürfte ein Mann am Dienstag sehr bedauert haben – Franco Marvulli.

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