Sport : Vorwärts immer

Vom neuen Offensivgeist beflügelt, vernachlässigen die deutschen Fußballer ihre Verteidigungspflicht

Michael Rosentritt[Frankfurt am Main]

Patrick Owomoyela lief freudestrahlend auf Oliver Kahn zu und wollte ihm zum 4:3-Sieg über Australien gratulieren. Der junge Fußballer aus Bielefeld ist noch nicht lange bei der deutschen Nationalmannschaft, vorrangig ist er dort bislang für das Abmischen der Bus- und Kabinenmusik zuständig. Deshalb kann er vielleicht nicht wissen, dass sich Oliver Kahn nach drei Gegentoren nicht gern gratulieren lässt. Nicht als Torwart, nicht bei einem Turnier und schon gar nicht an seinem Geburtstag. Der Münchner verließ lädierten Blickes samt einer Wunde unter dem linken Auge den Rasen des Frankfurter Waldstadions. Sein Augenaufschlag sollte wohl bedeuten: Wem jetzt noch nach Feiern ist, hat nichts kapiert.

Für den 36-Jährigen war der Mittwoch trotz seiner Geschenke – einer Torte und eines DFB-Reiseetuis – kein guter Tag. Für ihn „ist eine gute Defensive das alles Entscheidende. Wenn wir hinten kein Tor kriegen, können wir im Mittelfeld in relativer Ruhe spielen“. Gegen den Meister Ozeaniens passierte so ziemlich das genaue Gegenteil. Der zweimaligen Führung folgte jeweils prompt der Ausgleich. Erst als Michael Ballack nach einer Stunde einen Elfmeter verwandelte und Lukas Podolski den schönsten Angriffs des Abends kurz vor Schluss zum 4:2 abschloss, hätten für gewöhnlich alle Zweifel daran zerstreut sein sollen, welches Team das Feld als Sieger verlassen würde. „Die ersten 25 Minuten nach der Halbzeit waren richtig gut“, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann, „aber dann waren wir wieder verunsichert und hatten am Ende Bammel, dass noch etwas schief geht.“

In gewisser Weise bot das Spiel das komprimierte Abbild von elf Monaten Klinsmann. Die Spielweise ist deutlich offensiver geworden, die Mannschaft erzielt mehr Tore als unter Rudi Völler. Doch das im Vergleich zur EM 2004 durchschnittlich um fünf Jahre jüngere Team ist weitaus anfälliger für Gegentore. Klinsmann geht bewusst diesen risikoreicheren Weg, hat aber wohl gehofft, dass das Positive an der Erneuerung stärker durchschlägt als das Negative. Während Klinsmann „total happy“ war, „dass wir mit drei Punkten in dieses Turnier gestartet sind“, fand Per Mertesacker passendere Worte: „Zum Glück haben wir vier Tore geschossen, das hat gerade so gereicht.“

Es gehört zu den gewöhnungsbedürftigen Tugenden dieser Mannschaft, dass selbst eine stattliche Führung nicht bedeuten muss, dass das Spiel entschieden ist. In der Nachspielzeit gelang Australien der Anschlusstreffer. „Natürlich gewinnen wir lieber 4:1“, sagte der Bundestrainer, „aber dieses 4:3 gehört zu diesem Prozess. Und für die Zuschauer war es doch ein sehr unterhaltsames Spiel.“ Klinsmanns Assistent Joachim Löw wollte „auf diese Aufregung“ lieber verzichten.

Auch Michael Ballack befürchtet: „Wenn wir auf Dauer so viele Gegentore kriegen, bekommen wir Probleme“. Bei einem Turnier müsse man „hinten zu null spielen“, sonst könne man nichts erreichen, sagte der Mannschaftskapitän. „Wir müssen lernen, als Mannschaft geschlossener zu stehen, um dem Gegner nicht so viele Chancen zu lassen. Ich denke, dass hat jetzt Priorität“, sagte Arne Friedrich. Der Berliner sprach aus, was latent bei allen Rednern der deutschen Delegation durchsickerte: das Defensivverhalten geht alle an. Die sportliche Führung hat Angst, dass sich das bisweilen diffuse Abwehrverhalten zum einem Komplex ausweitet. In der öffentlichen Darstellung wird damit begonnen, das Problem zu verlagern – von der Unterabteilung Abwehr auf die gesamte Mannschaft. So ist es für Thomas Hitzlsperger „zu einfach, allein die Abwehr zu kritisieren“. Es könne nicht sein, dass in der Vorwärtsbewegung „alle mitmachen, aber nach hinten nicht alle“, sagte der Verteidiger.

Tief in der Nacht, im vertraulichen Gespräch mit Teammanager Oliver Bierhoff, bemerkte Jürgen Klinsmann, dass „wir wohl keinen Sponsor mehr aus der Betonbranche kriegen werden“. Mit einem 5:4 im Eröffnungsspiel der WM in einem Jahr aber wäre er auch zufrieden, sagte Klinsmann. Oliver Kahn muss es in den Ohren sausen.

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