Sport : Wachstum in der Wüste

Die kleinen Fußballländer werden größer: Bahrain steht kurz vor der Qualifikation für die WM

Mathias Klappenbach

Berlin - Es ist noch nicht entschieden, womit Berti Vogts im kollektiven Fußballgedächtnis bleiben wird. Eine gute Chance hat eine Aussage, die der ehemalige Bundestrainer in seiner Amtszeit ständig wiederholt hat. „Im Fußball gibt es keine Kleinen mehr.“ Diese These erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit, weil sie offensichtlich zutrifft. Zwar setzten sich in Europa in der WM-Qualifikation die Favoriten durch. Doch hohe Siege wie früher gab es gegen die Andorras und Liechtensteins nicht mehr. Die Liechtensteiner beispielsweise holten einen ihrer acht Punkte beim 2:2 gegen den Europameisterschaftszweiten Portugal.

Viele Kleine sind dabei, mittelgroß zu werden. Eine Folge der fortschreitenden globalen Professionalisierung im Umfeld. „Die Spieler besitzen ein unglaubliches Bewegungstalent, sind technisch stark und schnell“, sagt Wolfgang Sidka, der bis vor kurzem Nationaltrainer in Bahrain war. Seine ehemalige Mannschaft kann sich bei den am Samstag beginnenden Play-offs für die WM 2006 in Deutschland qualifizieren, zum ersten Mal. Der Gegner heißt Trinidad & Tobago. Auch dort ist ein Ausländer Trainer. Leo Beenhakker hat schon Ajax Amsterdam, Real Madrid und die holländische Nationalmannschaft trainiert. Die Klischees über die Kleinstaaten scheinen zu stimmen: „Kraft, Kondition und vor allem Disziplin waren Fremdworte“, sagt Sidka. „Wenn die Spieler eine Stunde zu spät zum Training kamen, entschuldigten sie sich damit, dass sie müde waren und noch geschlafen haben.“

Ein persönlicher Fitnesstrainer wie bei manchem deutschen Nationalspieler ist noch nicht vorstellbar, aber allein mit der Einführung eines professionellen Trainingsbetriebs erzielte Sidka erstaunliche Effekte. Die Mannschaft verbesserte sich in der Weltrangliste um hundert Plätze. Derzeit steht sie auf Platz 55, zwei Ränge hinter Trinidad & Tobago. Und 71 vor Liechtenstein. „Das einzige Problem ist die wohl von den Beduinen ererbte Mentalität, immer nur bis zum nächsten Tag zu denken. Das Turnier ist in sechs Wochen? Dann haben wir ja noch fünf Wochen, bis wir mit der Vorbereitung anfangen müssen“, sagt Sidka. Er wurde im Juni nach einer 0:1-Niederlage gegen Japan entlassen, obwohl man mit seiner Arbeit sehr zufrieden war. Aber mit den plötzlichen Erfolgen waren auch die Ansprüche in dem nur 670 000 Einwohner zählenden Land gestiegen. „Hier wird an jeder Ecke auf den Sandplätzen gekickt, Wiesen gibt es nicht. Und viele Spieler haben jetzt auch die richtige Einstellung, sich nach oben kämpfen zu wollen“, sagt Sidka. Aber Bahrain zählt in der Golfregion zu den armen Staaten. Im reichen Kuwait gibt es bereits zahlreiche ausländische Trainer für die Jugendnationalmannschaften. Hier wird der Nachwuchs systematisch gefördert.

Fußball ist das Tor zur Welt, durch das immer mehr Nationen wollen. In Europa und Südamerika sind die alten Hierarchien noch weitgehend intakt. Doch wie schnell ein erarbeiteter Vorsprung dahin sein kann, ist gegenwärtig in Afrika zu beobachten. Kamerun, Nigeria und der Gastgeber der WM 2010, Südafrika, haben sich nicht für das Turnier in Deutschland qualifiziert. Angola, Ghana, Togo und die Elfenbeinküste hingegen schon. Vier der fünf Teilnehmer aus Afrika sind WM-Neulinge. Von den 14 europäischen Teilnehmern waren nur die jungen Staaten Ukraine und Serbien-Montenegro noch nie dabei. Die Slowakei hat in den Play-offs gegen Spanien noch die Chance, sich zu qualifizieren. Mit Bahrain oder Trinidad & Tobago kommt auf jeden Fall ein weiterer WM-Neuling dazu. „Wenn die Teilnahme verpasst wird, werden in Bahrain alle sofort entlassen: die Verbandspräsidenten, das Management, der Trainer“, sagt Wolfgang Sidka. Das ist ein bleibender Unterschied zu den Großen. In Deutschland muss nur Bundestrainer Jürgen Klinsmann um seinen Job fürchten.

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