Sport : Warten auf die neue Ära

Während Interimscoach Henrik Rödl die Spieler aufbauen soll, sucht der Klub einen Nachfolger

Helen Ruwald,Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Der vierte Trainer in der Geschichte von Alba Berlin begann seine Arbeit nicht mit Distanzwürfen oder Zweikampfverhalten, er begann sie nicht einmal in der Sporthalle. Henrik Rödl bat zu Einzelgesprächen, gestern Vormittag empfing er Kapitän Mithat Demirel, Jovo Stanojevic und Michael Wright. Im Laufe des Wochenendes, das wegen des All-Star-Games spielfrei ist, will er sich auch mit den übrigen Basketballprofis über die Situation nach der Entlassung von Trainer Emir Mutapcic unterhalten. „Ich will herausfinden, wie der Einzelne damit umgeht, und die Spieler sollen erfahren, wie ich damit umgehe“, erklärte der ehemalige Alba-Kapitän. Schließlich soll er das Team, „das ziemlich am Boden ist“, aus der Krise führen. „Es ist schon ein komisches Gefühl, dass Mutapcic weg ist. Aber wir müssen nach vorne gucken“, sagte Demirel. „Henrik hat davon gesprochen, dass er seinen eigenen Stil hat. Wie der aussieht, werden wir in den nächsten Tagen sehen.“ Das eine oder andere will Rödl ändern, aber nicht alles. „Ich stehe für dieselben Dinge wie Mutapcic, für Leidenschaft und Emotionen“, sagt der 34-Jährige, der in elf Jahren 534 Spiele für Alba bestritt und immer als mannschaftsdienlicher, unermüdlicher Kämpfer auftrat.

Nachdem Rödl am Donnerstag von seiner neuen Aufgabe erfahren hatte, hatte er mit roten Augen die Max-Schmeling-Halle verlassen, erschöpft nach „emotionalen, belastenden Momenten“. Gestern war die Anspannung verschwunden. Rödl konnte damit umgehen, dass Mutapcic nach dem Aus im international zweitklassigen Uleb-Cup entlassen worden war, nach 13 Jahren bei Alba und vielen Titelgewinnen – gemeinsam mit Rödl. Dieser war nach seinem Karriereende im vergangenen Sommer Assistenztrainer geworden. Als Teil des Trainerteams bedeutete Mutapcics Entlassung für Rödl, „dass man sich selber überdenken muss, irgendwo ist man gescheitert“. Viel Zeit zum Nachdenken hatte er nicht. Als Vizepräsident Marco Baldi „mir gesagt hat, dass ich diese Aufgabe als Interimscoach übernehme, habe ich es gemacht“, sagt Rödl und lacht. Baldi betont, dass der Job des Interimstrainers „kein Platzhalter“ sei. Rödl ist nun der, der entscheidet. Selbst wenn dieser zu dem Ergebnis komme, dass die Trennung von einem Spieler nötig sei, „werden wir nicht sagen: auf keinen Fall“.

Die Arbeit von Mutapcic, der als Cheftrainer drei Meistertitel und zwei Pokalsiege holte, sei durchaus kritisch betrachtet worden. Schon im Sommer, als das Team im Halbfinale um die Meisterschaft gescheitert war, habe es Angriffspunkte gegeben. „Wir analysieren genau, was ein Trainer tut oder nicht tut, Kritik wird nicht ausgespart“, sagte Baldi. Am Mittwochabend nach der Niederlage gegen Saloniki war den Verantwortlichen klar, dass es „schwerlich einen anderen Weg geben wird“ als einen Trainerwechsel. Gescheitert ist Mutapcic daran, dass „wir unser Ziel nicht erreicht haben“, den Einzug ins Uleb-Cup-Achtelfinale. Präsident Dieter Hauert begründet die Entscheidung so: „Das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft schien gestört. Das Risiko, dass es mit Mutapcic nicht wieder besser klappt, erschien mir zu hoch.“ Schließlich hat Alba noch ein weiteres Ziel – den deutschen Meistertitel. Derzeit liegt das Team in der Bundesliga auf Rang vier.

Ist Rödl längerfristig in der Rolle des Cheftrainers vorstellbar? „Nur im Ausnahmefall, wenn wir keinen Trainer finden“, sagt Hauert. „Aber das wäre nicht gut. Für Alba und für Henrik nicht. Er muss noch Erfahrung sammeln.“ Ein neuer Trainer müsse „erfahren sein und eine Mannschaft bereits aus einem Tal wieder nach oben geführt haben“. Baldi telefoniere „wie ein Weltmeister. Mitte nächster Woche wird er mir seine Ergebnisse zeigen, und dann sehen wir weiter.“

Derzeit sind in Europa nur wenige namhafte Trainer verfügbar. Svetislav Pesic, der ehemalige und sehr erfolgreiche Berliner Trainer, hat gestern einen Vertrag beim italienischen Spitzenklub Virtus Rom unterschrieben (siehe Interview unter diesem Artikel). Sein Vorgänger Pierluigi Bucchi würde in das Anforderungsprofil der Berliner passen: Der 46-Jährige gewann 2000 mit Benetton Treviso die italienische Meisterschaft und wurde zu Italiens Trainer des Jahres gewählt. Baldi wollte keinen Namen kommentieren.

Die Trainersuche und Rödls Arbeit sind nur der eine Teil, auch die Spieler sind gefordert. Der Trainerwechsel werde ihr Verantwortungsbewusstsein schärfen, hofft Baldi. Sie könnten sich nicht mehr hinter Mutapcic verstecken, der sich stets schützend vor sie gestellt habe. Mutapcic seinerseits hat mit „gemischten Gefühlen“ Abschied genommen, „da ist Enttäuschung, aber auch Stolz. Ich habe bei Alba viel geleistet.“ Gefasst war er auf die Entlassung nicht: „Eine solche Entscheidung ist immer überraschend.“ Letztendlich zähle nur der Verein. Mit Rödl will sich Mutapcic heute treffen, „er bekommt jede Unterstützung von mir – schließlich bin ich Alba-Fan“. Als solcher will er sich auch irgendwann wieder ein Spiel anschauen. „Ich habe keine Angst, in die Max-Schmeling-Halle zu gehen. Dort habe ich viel erreicht.“ Wann er diesen Schritt tut, weiß er noch nicht. „Ich bin keine Maschine, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Situation ist nicht einfach.“

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