Sport : Warum der Fußball-Zweitligist so lange am Kinderdoper Neubauer festhält

Frank Bachner

In irgendeinem Winkel des Mommsenstadions steckten sie gestern Abend die Köpfe zusammen. Tennis Borussia, der mächtig aufgerüstete Fußball-Zweitligist, spielte gegen den VfL Bochum, und am Rande der Partie besprachen Kuno Konrad und Erwin Zacharias eine verdammt peinliche Personalangelegenheit. So lautete jedenfalls die Regie. So wollten es Konrad, das TeBe-Vorstandsmitglied, und Zacharais, der TeBe-Vorstandsvorsitzende, halten. Darf Jochen Neubauer weiter für TeBe arbeiten, ja oder nein? Das war gestern zu klären.

TeBe steckt in einer ziemlich dummen Situation. Und ganz besonder dumm ist es, dass sich der Klub da selber reinmanövriert hat. Bis gestern abend war Dr. Jochen Neubauer immer noch Mannschaftsarzt von Tennis Borusia. Obwohl seit zwei Wochen bekannt ist, dass er als DDR-Sportarzt Jugendlichen Dopingpillen geben ließ. Obwohl er als Kinderdoper einen rechtskräftigen Strafbefehl erhalten hat. Obwohl sich die TeBe-Spitze darüber einig war, dass bei einer Verurteilung eine Trennung von Neubauer angebracht ist.

Warum? Warum hat der Verein sich nicht sofort von Neubauer getrennt, als der Strafbefehl bekannt wurde? Ganz einfach. "Die Spieler haben Vertrauen zu ihm. Er ist fachlich sehr gut", sagt Konrad. "Für uns war der Parameter in Sachen Neubauer immer, wie die Profis mit ihm arbeiten." Spieler haben 1998 dem damaligen TeBe-Trainer Hermann Gerland den Mediziner Neubauer empfohlen, der Klub stimmte zu. Jetzt winden sie sich. "Das ist jetzt eine neue Qualität, die zu beachten ist", sagt Zacharais, aber eine Reaktion zeigte er erst einmal nicht. "Wir wissen heute mehr als früher", ergänzt Konrad, aber für eine sofortige Trennung plädierte er nicht. Die fachliche Kompetenz zählt immer noch mehr als die Moral. Bei Tennis Borussia sehen sie das pragmatisch.

Das darf einen nicht wundern. So war es schon im November 1998 bei der Einstellung von Neubauer. Da vermischte sich Fahrlässigkeit mit Ignoranz. Neubauer arbeitete damals für den Olympiastützpunkt Potsdam (OSP); er wurde erst im März 2000 suspendiert. Ein Skandal für sich, schließlich beschuldigte man ihn schon 1990 des Kinderdopings. Seit 1997 ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn. Aber der TeBe-Spitze genügte die Information, dass er für den OSP arbeitet, quasi in offizieller, staatlich geförderter Funktion. "Das war für uns entscheidend", sagt Zacharias. Neubauer hatte zwar erzählt, "dass ein Staatsanwalt bei ihm irgendetwas untersucht" (Konrad), aber er, Neubauer, sehe dem gelassen entgegen. Mehr wussten Zacharais und Konrad nicht, mehr wollten sie auch gar nicht wissen. "Wenn einer für die Kirche arbeitet, gehe ich auch davon aus, dass er ein anständiger Kerl ist", erklärt Konrad. Was die Staatsanwaltschaft da genau untersuchte, war ihm ziemlich egal. Konrad wusste nur, "dass da irgendetwas ist". Für Neubauers Verpflichtung stimmte er trotzdem. "Das Wort Kinderdoping", sagt Konrad, sei in dieser Sitzung nicht gefallen.

Keiner bei Tennis Borussia fragte nach. Nicht bei der Staatsanwaltschaft. Nicht bei fachkundigen Journalisten. Lieber verpflichtete der Klub einen Mann, der zum Problemfall werden konnte. Hauptsache, er ist fachlich gut. "Damals gab es nur Ermittlungen, aber kein Urteil", sagt Zacharias. "Außerdem sind wir keine Detektivbüro. Wir wollten uns nicht zum Richter aufschwingen."

Neubauers Einstellung war schon ein Fehler. Aber erst die Tasache, dass sich der Klub weigerte, sich sofort von Neubauer zu trennen, macht die Personalie für TeBe zur problematischen Geschichte. Nur sieht das nicht jeder so. Fehler? Bei Neubauer? Nein, sagt Kuno Konrad. Und dann verkündet er, so knapp wie markig: "Ich bereue nichts."

0 Kommentare

Neuester Kommentar