Sport : Weihnachten im Boot

Die Regatta von Sydney nach Hobart ist gestartet

Alexander Hofmann

Sydney - Dirk Wiegmann war ganz ehrlich. „Eigentlich ist es ja ein blödsinniges Rennen“, hatte der Besitzer des einzigen deutschen Bootes, das in diesem Jahr bei der Hochseeregatta Sydney – Hobart dabei ist, vor dem Start gesagt. Er ist Eigner der „Conergy“, mit der seine Crew drei Kilometer im Hafen von Sydney nach Norden zu segeln hatte, dann rechts abzubiegen und gute tausend Kilometer weiter südlich in Hobart auf der Insel Tasmanien wieder anzulegen. Aber dieser Trip entlang der australischen Ostküste genießt unter Seglern weltweit höchste Anerkennung und gilt als einer der Hochseeklassiker überhaupt. Die „Conergy“ lag zunächst auf dem 47. Platz, die führende sechs Millionen Euro teure Maxi-Yacht „Alfa Romeo“ hatte Chancen, den Rekord der „Nokia“ zu brechen, der seit 1999 bei einem Tag und 19:48,02 Stunden steht.

In Sydney ist der Beginn der Regatta einer der beliebtesten Festtage und gehört zu Weihnachten wie die Familienfeier mit anschließendem Strandbesuch. Hunderttausende verfolgten bei Temperaturen von fast 30 Grad den Beginn der Regatta und breiteten ihre Picknickdecken auf jedem erdenklichen Fleckchen aus, der einen Blick auf das Wasser zulässt. Ganz abgesehen von den Glücklichen, die sich die teuren Häuser direkt am Wasser leisten können und das Geschehen mit einem eisgekühlten Glas Champagner in der Hand auf der Terrasse verfolgen. Die Zuschauerflotte allein umfasste fast 5000 Boote.

Aber trotz der Familienatmosphäre zum Auftakt ist Sydney – Hobart seit seiner ersten Auflage 1945 vor allem ein sportlicher Wettkampf. „Wir wollen wettbewerbsfähig sein“, sagt Wiegmann, der mit seiner 45 Fuß (13,71 m) langen Yacht einen Platz im ersten Drittel des Feldes anpeilt. Wiegmann ist wie die anderen fünf Deutschen an Bord Neuling bei Sydney – Hobart und hat deshalb erfahrene australische Verstärkung angeheuert. Skipper ist Neil Gray, ein Vollprofi, dessen Erfahrung aber noch neben der des Navigators verblasst: Der 50-jährige Lindsay May bestreitet sein 33. Rennen hintereinander.

Mit an Bord ist Swantje Oldörp, die in diesem Jahr bei den deutschen Meisterschaften Zweite im Matchrace geworden war. Das einzige weibliche Crewmitglied ist Vorstandsassistentin bei der Hamburger Firma Solarunternehmen Conergy, die dem Boot auch den Namen gegeben hat, Wiegmann ist Bereichsleiter des Unternehmens in Hamburg. Für die 28-Jährige ist Sydney – Hobart das erste Hochseerennen, sonst segelt sie kleinere Boote. Die Reaktionen in ihrem Bekanntenkreis auf ihre Ankündigung, bei der berühmten Regatta dabei zu sein, reichten von Anerkennung einerseits bis zu jenen, „die mir einen Vogel gezeigt haben“, wie sie fröhlich berichtet. „Aber ich möchte einfach einmal an meine eigenen Grenzen gehen.“ Einzige Frau an Bord zu sein, ist für Oldörp nicht neu, „darüber mache ich mir keine Gedanken mehr, auch wenn sich die Jungs manche Sprüche verkneifen könnten.“ Respekt habe sie schon vor Sydney – Hobart, „aber Angst? Nein!“

Unberechtigt wären auch Ängste nicht, schließlich ist allen Seglern das Katastrophenrennen von 1998 noch in Erinnerung. Sechs Segler kamen ums Leben, 55 weitere wurde von tollkühnen Hubschrauberpiloten aus der kochenden See mit Wellen bis fast 20 Meter Höhe gerettet, fünf Yachten gingen unter, nur ein Drittel der Flotte erreichte das Ziel in Hobart. Seitdem sind die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden, was die Teilnahme am Rennen erheblich verteuert hat, denn Boote und Material müssen extrem hohe Standards aufweisen. Aber auch das gibt keine absolute Sicherheit, wie ein bizarrer Unfall im Vorfeld zeigte. Der Skipper einer der größten und teuersten Yachten wurde von einem fliegenden Fisch getroffen und trug ein blaues Auge davon. Zumindest wird er bei den Feiern in den Kneipen Hobarts eine der besten Geschichten erzählen können.

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