Sport : Weihnachten im Herbst

Michael Rosentritt

berlin. Einer, der gar nicht da war, stand im Mittelpunkt. Sebastian Deisler, der Spielmacher von Hertha BSC, hat es trotz seiner 21 Jahre im deutschen Alltag zu einer Allgegenwärtigkeit gebracht, die ihresgleichen sucht. Der FC Bayern stürzt Kaiserslautern von der Tabellenspitze, Hertha BSC gewinnt mal wieder, Lienen droht in Köln die Entlassung - na und? Alle reden über Deisler, der weiter weg, als er es jetzt ist, gar nicht sein kann.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de In Colorado wurde Deislers Knie operiert, erfolgreich, wie es heißt. Hier zu Lande dreht sich alles um die Zukunft des Patienten. Nach den Spekulationen um die vorzeitige Überweisung von 20 Millionen Mark Handgeld an den Mittelfeldspieler bestätigte gestern Uli Hoeneß im Deutschen Sportfernsehen, dass Zahlungen erfolgt seien: "Es ist richtig, dass wir in dieser Richtung aktiv waren." Der Manager des FC Bayern sprach von "einer Art Darlehen". Uli Hoeneß ist sich "sicher, dass Sebastian Deisler in der nächsten Saison zu uns kommt". Allerdings wisse man nie, "was bis Weihnachten noch passiert".

Was an Weihnachten passiert, weiß jedes Kind. Aber was passiert bis Weihnachten? Dieter Hoeneß, Ulis Bruder und dessen Amtskollege bei Hertha BSC, hatte da bis vor kurzem ganz konkrete Vorstellungen. Hertha sollte sich im Kampf um die Tabellenspitze in der Bundesliga hervortun, international verstärkt auf sich aufmerksam machen und so handfeste Argumente sammeln, die einem wie Deisler eine Vertragsverlängerung in Berlin schmackhaft machen könnten. So weit der Plan.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach sportlich missratenen Wochen und dem Bekanntwerden eines stattlichen Münchner Begrüßungsgeldes für Deisler wurde der Plan für die Zeit, bis der Weihnachtsmann kommt, gehörig korrigiert. "Es bringt nichts, zur Normalität zurückzukehren", sagte Dieter Hoeneß. Weihnachten werde zwar deshalb in Berlin nicht gleich ins Wassers fallen, aber auf der vereinsinternen Feierstunde zum Jahresausklang dürften sicher nicht nur Nettigkeiten ausgetauscht werden. "Wir haben nichts erreicht", sagte Herthas Manager nach dem 3:1-Sieg über Werder Bremen. Es war der dritte Berliner Heimsieg, der vierte Sieg in dieser Saison überhaupt. Den Erfolgen stehen vier Niederlagen gegenüber - Mittelmaß.

Rund um Hertha BSC "herrscht nach wie vor Alarmstimmung", sagte Hoeneß und sprach, nach Wochen des Abwiegelns, von einem Krisenmanagement in Berlin. "Wichtig ist, dass die Mannschaft spürt, dass auf sie sehr genau geachtet wird", sagte Hoeneß. Das Signal hat jeder verstanden. Das Vertrauen in die Mannschaft sei nicht erfüllt worden. "Sie ist aber jetzt dabei, etwas davon aufzubauen."

Gegen Bremen sah Hoeneß ein Team, das in der ersten Halbzeit "teilweise fahrlässig" agierte. Den Aktionen fehlte es an der nötigen Ruhe. "Wenn man einen Mann mehr auf dem Platz hat, spielt man anders", befand auch Trainer Jürgen Röber. Nach dem 1:0-Sieg unter der Woche bei Viking Stavanger spielte der Hertha erneut ohne Künstler wie Deisler und Beinlich. Kunst ist momentan nicht gefragt. Der Trainer hat keine Wahl. Er lässt spielen, was da ist, was geht und was jeder wohl auch etwas besser versteht - einfachen, schnörkellosen Fußball. Das sieht zwar nicht gut aus, reichte aber gegen zehn Bremer.

Er könne "die Unsicherheit fühlen", sagte Jürgen Röber. Der Trainer versuchte erst gar nicht, von einem Aufwärtstrend zu sprechen. "Vielleicht sind wir ein Stück weiter, wenn wir in Nürnberg gewinnen." Hoeneß reicht das noch lange nicht. Von einer Wende mag er erst dann sprechen, "wenn wir Anschluss an die Plätze hergestellt haben, wo wir hinwollen". Bis zu einem Champions-League-Platz sind es zehn Punkte. Das Saisonziel stehe nach wie vor, es gibt aber "Phasen", sagte Hoeneß, "in denen man darüber nicht reden sollte, sondern nur von Woche zu Woche denken".

So etwas macht Herthas Manager eher ungern. Der Mann hat Visionen. "Wir verstärken unsere Offensive, damit die Abwehr entlastet wird." Das hat Hoeneß zu Saisonbeginn gesagt. Zehn Spieltage später war es auf einem Transparent in der Kurve im Olympiastadion nachzulesen. Auf dem Rasen im Olympiastadion war es nämlich so, dass die vereinseigene Abteilung Angriff um ihren Leiter Michael Preetz erfolglos blieb. Dafür trafen neben dem Belgier Bart Goor zwei Spieler des rückwärtigen Dienstes, Pal Dardai und Marko Rehmer. Und mancher in der Kurve hinter dem Transparent wird sich gedacht haben: "Heute hat unsere Abwehr die Offensive entlastet."

Die "Bereitschaft zu kämpfen" ist gestiegen, hat Hoeneß erkannt. Mit dieser Einstellung "kommen wir irgendwann weiter". Aber wie weit? Vor allem: weit genug? In sechs Wochen greift Deisler wieder ein. Dann wird sich der Spieler auch offiziell erklärt haben, wie es für ihn weitergeht. Doch wer glaubt noch an den Weihnachtsmann?

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