Sport : Weinen lernen

Matthias B. Krause

Natürlich hat keiner die fünf stummen Minuten am Ende des Films mit Schluchzen unterbrochen. So etwas macht man nicht, wenn man aus dem Ghetto kommt. Dann wäre die ganze „street cred“ dahin, die Glaubwürdigkeit auf der Straße. Nicht, dass die Jungmillionäre der National Basketball Association (NBA) diese nötig hätten, um zu überleben. Aber es ist unter afro-amerikanischen Basketballprofis wieder schick, sich als „Gangsta“ zu geben, mit dicken Tattoos, Brilli im Ohr und einer Waffe in der Sporttasche.

Spike Lee kann darüber nur lachen. „Das ist doch Macho-Blödsinn, dass man 100 Prozent Gangster sein muss“, sagt er, „diese jungen Brüder müssen lernen, ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Sie denken, wenn man weint, ist man ein Punk.“ Also hat er ihnen einen Teil seines jüngsten Werkes persönlich vorgeführt, den Beginn der vierstündigen Dokumentation „When the Levees Broke“ (Als die Deiche brachen) über den Hurrikan „Katrina“ in New Orleans und seine Folgen. Lee legt in dem hochpolitischen Streifen ein gut verstecktes Sozialdrama frei. An der Oberfläche sehen die Vereinigten Staaten von Amerika aus wie ein funktionierendes Land: wohlhabend, demokratisch, gleich gesinnt. Aber darunter leben all die, die sich nur durchschlagen, vergessen und missachtet von der Elite.

Isiah Thomas, der Headcoach der New York Knicks, weiß, wovon Lee spricht, er wuchs in ärmsten Verhältnissen in der berüchtigten Chicagoer Southside auf. Lees Film machte er im Trainingslager zur Pflichtveranstaltung. Das fördere den Teamgeist, glaubt er – und die Persönlichkeitsbildung: „Wenn man den Mann formen kann, entwickelt sich auch der Spieler. Man spielt, wie man lebt.“ Das ist keine neue Philosophie, die Frage ist nur, ob politische Dokumentationen das richtige Mittel sind. Sollten die Knicks in der Mittwoch beginnenden Saison ebenso erbärmlich spielen wie in der vergangenen, können sie wenigstens vorführen, was Spike Lee ihnen beizubringen versucht hat: Wie man in der Öffentlichkeit heult, ohne sich zu schämen.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten und Sebastian Moll regelmäßig Phänomene aus dem amerikanischen Sport.

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