Sport : Wellen schlagen, Brücken schlagen

Die Lebens-Rettungs-Gesellschaft und die brandenburgische Laurentiusschule engagieren sich beim Behindertenschwimmen. Dafür gab es jetzt einen Preis

Annette Kögel[Eberswalde]

Beinahe hätte es eine Kollision gegeben. Von der einen Seite nähert sich Tobi, er schwimmt auf dem Rücken. Von der anderen Schwimmbadseite pflügen seine Mitschüler Ralf und Franziska in Richtung Beckenmitte – sie üben gerade die Rettung eines Ertrinkenden. Zum Glück aber steuert Tobi kurz vor der Begegnung im Becken nach links – und alles geht gut. Schwimmtrainer Jörg Goldenbaum hatte seine Schüler im Wasser vom Rand aus rechtzeitig gewarnt.

Wir sind beim Schwimmtraining der Laurentiusschule, einer brandenburgischen Förderschule für geistig Behinderte. Hier in Eberswalde, nordöstlich von Berlin, üben die Kinder, sich gegenseitig zu helfen. Für das beispielhafte Engagement im Behindertensport ist der Kreisverband Barnim der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) jetzt vom Deutschen Olympischen Sportbund mit der Fritz-Wildung-Plakette geehrt worden. Die Auszeichnung ist eine der höchsten Ehrungen für soziale und gesellschaftliche Hilfen durch gemeinnützigen Sport.

Es kommt im Sport eben nicht nur auf Hundertstelsekunden und auf Medaillen an. Sport kann dabei helfen, Menschen ihre Selbstachtung zurückzugeben. Er kann sie mit Stolz erfüllen. Und er gibt ihnen das Gefühl, dazuzugehören.

„Wir sind stolz auf die Auszeichnung. Also müssen wir schon ein bisschen was auf dem Kasten haben“, sagt Trainer Jörg Goldenbaum und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist tropisch warm hier im Eberswalder Schwimmbad. Goldenbaum steht in Personalunion am Beckenrand: Er ist Lehrer in mehreren Fächern an der Laurentiusschule und Vorsitzender des DLRG-Kreisverbandes Barnim. Seit dessen Gründung vor vier Jahren gibt es eine enge Kooperation zwischen den Lebensrettern zu Wasser und den Pädagogen, die durch ihren Job so manchen Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen. Viele der Jugendlichen hier in Badeanzug oder Schwimmshorts haben Eltern, die sozial benachteiligt sind. Viele wurden von der Familie vernachlässigt, manche pendeln nur zwischen Schule und Heim. Wie Franziska aus Falkenberg. „Das Schwimmen macht mir so einen Spaß“, sagt die 13-Jährige begeistert.

Heute bekommt auch Franziska gemeinsam mit anderen der lernbehinderten, verhaltensauffälligen oder geistig behinderten Schüler eine weitere Auszeichnung: den deutschen Jugendschwimmpass. Franzi – sie wird mit demselben Spitznamen gerufen wie Schwimmidol Franziska van Almsick – schlägt ihre Hände aufgeregt vors Gesicht. Und strahlt vor Freude und Stolz. 400 Meter Schwimmen in weniger als 10 Minuten, 10 Meter Streckentauchen, vom Dreimeterbrett springen und all die anderen Herausforderungen hat sie locker bewältigt und das Abzeichnen in Silber errungen. Es gibt Beifall – und später im Wasser dann fröhliches Gerangel. Heute sind die Jugendlichen besonders aufgeregt, schließlich bekommen sie nicht alle Tage Besuch. „Mensch, wir sollen uns benehmen, seid anständig“, sagt Franzi zu ihren Mitschülern, und die halten inne.

Sie haben durch Sport schon viel gelernt, die insgesamt 82 Schützlinge der Laurentiusschule. Für den Schwimmunterricht mit geistig Behinderten hat Lehrer Jörg Goldenbaum vor Beginn seines Trainerdaseins viele Fortbildungen besucht. „Die Schüler sind manchmal schwerer zu motivieren als Nichtbehinderte“, sagt der Pädagoge. „Sie sehen mitunter einfach nicht ein, warum sie sich einer bestimmten Technik unterwerfen sollen und beispielsweise beim Kraulen den Körper nicht zur Seite drehen sollen.“ Auch Alexander hat da seinen eigenen Stil. Der 15-jährige fröhliche, schlanke Junge aus Wriezen taucht zwischendurch gern ab. Und was findet der zwei Jahre ältere Benjamin aus Pritzhagen beim Schwimmen am schönsten? „Die Körperübungen. Die Taktik. Und das Durchs-Wasser-Gleiten. Bei mir gibt es aber Thrombosegefahr und ich habe Asthma, deshalb kann ich leider nicht alles so machen, wie ich will.“

Dass man auch mit geistig behinderten Menschen mühelos kommunizieren kann und dass jeder einzelne von ihnen eine liebenswerte Persönlichkeit ist, auch das soll die Zusammenarbeit von Verein und Schule den Menschen in der Region verdeutlichen. Jeden Dienstag- und Mittwochabend trainiert Goldenbaum mit seinen Schützlingen nach dem Lehrerjob ehrenamtlich in der Halle. Da schauen auch mal andere Schwimmer interessiert zu. Im Januar sollen in einer neuen Sportgruppe behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche gemeinsam trainieren.

Die Fritz-Wildung-Plakette haben die DLRGler für ihre Integrationskonzepte bekommen und für eine neuartige Veranstaltung, die bundesweit Aufsehen erregte: mit einem eigenen Landesschwimmwettbewerb für Förderschüler mit geistiger Behinderung. Im März 2006 war es hier im Eberswalder Schwimmbad so voll wie selten. Was im Vorjahr als kleiner Insiderwettbewerb begonnen hatte, zog Hunderte Kinder und Zuschauer an – und soll fortan jedes Jahr im März stattfinden. Mehr als 200 Kinder und Jugendliche von 38 Schulen in ganz Brandenburg kommen dann wieder mit Bussen oder privat organisierten Fahrgemeinschaften zum Wettbewerb – selbst aus dem weit entfernten Cottbus. Damit alles klappt, stellt der Eberswalder Schwimmverein das Kampfgericht, und der Kreissportbund Barnim hilft mit Ehrenamtlichen bei der Organisation. Es gibt wieder Zeitschwimmen, aber auch Spaßwettkämpfe.

Stolz sind die Schüler auf ihre kleinen olympischen Schwimmspiele und auch darauf, dass Sozialministerin Dagmar Ziegler ein Grußwort schickte. Man könnte sagen: Jörg Goldenbaum hat einen Stein ins Wasser geworfen, und der zieht langsam Kreise.

An seiner Schule stärken ihm Kollegen den Rücken. Auch Schulleiter Maik Stiebitz steht im Sportdress in der Halle. Schon besser, wenn mehrere am Rand aufpassen und auch beim Duschen kontrollieren, dass sich niemand verläuft oder Kleidungsstücke verwechselt. „Ey, Alter, die haben aber viel Platz“, sagt Alexander – er meint die älteren Herrschaften beim Seniorenschwimmen in der Bahn nebenan.

Jörg Goldenbaum macht das alles aus innerem Antrieb, er absolvierte schon zu DDR-Zeiten ein Pädagogikstudium und nach der Wende gleich ein zweites. Sein erster Sohn war geistig behindert, der Junge starb früh. Viele Jungs und Mädels im Wasser haben ein schweres Schicksal vor sich, und ihre Betreuer wollen ihnen das Leben so lebenswert wie möglich gestalten. „Tobilein, du brauchst nicht schnell zu schwimmen, mein Guter“, sagt die dritte Lehrerin im Bunde, Elke Hessel, und streichelt den kräftigen Jungen liebevoll am Arm. „Wenn wir im Bus danach zurück zur Schule fahren, sind alle immer ganz still, die sind richtig schön ausgepowert“, sagt Schulleiter Stiebitz.

Da legen die Jugendlichen schon mal liebevoll ihre Köpfe aneinander – eine völlig gefahrlose Annäherung.

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