Sport : Welteroberung zu Rad

Im Rhönradturnen sind die Deutschen Spitze – die Meisterschaft beim Turnfest ist eine kleine WM

Friedhard Teuffel

Berlin - Kürzlich haben einige IT-Projektmitarbeiter der Lufthansa eine Fahrt im Rhönrad ausprobiert. Eingeladen zu dieser fachfremden Fortbildung hatte sie ihre Kollegin Janine Oer. Die 28-Jährige wollte die Kollegen ihre Sportart selbst versuchen lassen, anstatt am Arbeitsplatz in Frankfurt lauter komische Fragen zu beantworten. „Rhönrad – ist das nicht dieses Hamsterrad?“, sei sie zum Beispiel gefragt worden. Das Drehen im Rhönrad habe den Kollegen dann wirklich Spaß gemacht, erzählt Janine Oer.

Janine Oer ist mehrfache Weltmeisterin im Rhönradturnen. Erst vor zwei Wochen hat sie drei Titel bei der WM gewonnen. Wahrscheinlich ist sie eine der am wenigsten bekannten Weltmeisterinnen in Deutschland, aber das mache ihr nichts aus. Anstatt von einem Werbevertrag erzählt sie Geschichten wie diese: „Nach der WM stand ein Artikel über mich in der Zeitung, und danach sind gleich meine Nachbarn vorbeigekommen und haben mir Wein geschenkt.“ Beim Deutschen Turnfest in Berlin aber ist sie umzingelt von Fachpublikum. Etwa fünfhundert Zuschauer sind zu den Finals der deutschen Meisterschaft in die Messehalle 21 gekommen, vor allem viele Jugendliche. Sie wollen die besten deutschen Rhönradturner sehen, und die besten deutschen Rhönradturner sind auch die besten der Welt. Ein einziger Titel ist bei der jüngsten WM an ein anderes Land gegangen.

In Berlin werden vier deutsche Meistertitel bei den Frauen vergeben: im Mehrkampf, in der Kür zur Musik, in der Schwierigkeitskür, bei der die Turner auf drei geraden Bahnen so viele anspruchsvolle Teile wie möglich zeigen sollen, und im Spiraleturnen. Beim Spiraleturnen drehen sich die Turner auf einer begrenzten Fläche mal vorwärts und mal rückwärts, meist nur auf einem der beiden Reifen. In der Schieflage zeigen die besten einen Spagat, es ist wie die Zähmung eines großen stählernen Ungetüms zum gutmütigen Spielgefährten. Fast geräuschlos rollt das Rad dann über den Laminatboden.

Janine Oer gewinnt alle vier Titel. Ihr Preis dafür: vier Urkunden. Wie viele andere der 20 000 Rhönradturner in Deutschland hat sie erst mit dem Kinderturnen angefangen, in Fallersleben bei Wolfsburg. Wegen Gesundheitsproblemen wechselte sie ans Rhönrad. Vor großen Meisterschaften trainiere sie jeden Tag. In Niedersachsen betreut sie auch noch Rhönradkinder. „Davon lebt doch das Rhönradturnen, von der gegenseitigen Hilfe“, sagt Janine Oer. Spaß mache ihr vor allem, sich immer wieder auf neue Bedingungen einzustellen. Die Rhönräder bekommen die Turner von den Veranstaltern gestellt, deswegen müssen sie immer wieder neu ein Verhältnis zu ihrem Wettkampfgerät aufbauen.

Genauso erfolgreich wie sie ist Julius Petri. Er gewinnt vier von fünf Titeln in Berlin, denn bei den Männern wird auch noch der Meister im Sprung gekürt. Der 22 Jahre alte Student ist sozusagen der Nachfolger von Wolfgang Bientzle. Man könnte Bientzle einen Pionier seiner Sportart nennen. Er war der erste Rhönradprofi. Schon als Sportler war er eine Klasse für sich und seinen Konkurrenten immer um einen originellen Übungsteil voraus. Zurzeit hält er sich meistens in Chicago auf, um dort an großen Shows teilzunehmen. Dazu entwirft er noch Choreografien für andere Sportler. Das reicht zum Leben. Wenn er mal in Deutschland ist, trainiert er unter anderem Julius Petri beim TSV Taunusstein-Bleidenstadt. Der Klub ist das, was Tauberbischofsheim im Fechten ist. Bei den deutschen Meisterschaften verteilen sich die Erfolge jedoch ganz gut, auch Constantin Malchin vom SV Rugenbergen gewinnt einen Titel, und Tim Seidel vom TSB Flensburg landet gemeinsam mit Petri auf dem ersten Platz in der Kür zur Musik. Eigentlich hätte auch noch Seidels Klubkollege Achus Emeis mitturnen sollen, der gerade erst dreifacher Weltmeister geworden ist. Doch er ist einen Tag vor dem Turnfest nach England gereist. Ein halbes Jahr wird er in Blackpool leben – als Rhönradartist in einer Turnshow.Seite 11 und Meinung

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