Sport : Weltmeisterschaftsvergabe 2006: Beckenbauer grantelt: "Mauscheleien"

Martin Hägele

Franz Beckenbauer befürchtet ein Komplott in der Fifa-Exekutivkommission gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006. 48 Stunden vor der Entscheidung in Zürich kommentierte der Präsident des DFB-Bewerbungskomitees den Rückzug des Konkurrenten Brasilien zu Gunsten Südafrikas mit erkennbarer Frustration. Der Münchner sprach bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Zürich von "Mauscheleien" und dem "Zuschieben von Stimmen". Einen Tag vor der abschließenden Werbe-Präsentation der vier verbliebenen WM-Kandidaten Deutschland, Marokko, Südafrika und England "müssten wir nach den Fakten klar vorne sein", sagte Beckenbauer.

Er kritisierte, dass einige der Konkurrenten die Fifa-Regeln im Vorfeld der WM-Entscheidung teilweise missachtet haben. "Wir haben uns immer an die Regeln gehalten, was uns teilweise zum Nachteil gereicht hat. Andere haben sich nicht an die Regeln gehalten", erklärte der DFB-Vizepräsident. Als Beispiel für praktizierte Verstöße gegen die Fifa-Richtlinien nannte Beckenbauer, dass andere Verbände ihre ausgearbeiteten Bewerbungen an führende Persönlichkeiten des internationalen Fußballs zur Ansicht geschickt haben. "Wir haben das nicht getan", sagte er.

Die Skepsis des 54-Jährigen, dass der DFB zum zweiten Mal nach 1974 mit der Austragung einer WM beauftragt wird, ist durch die Ränkespiele gestiegen. "Die Frage ist, was wiegt mehr? Das Sachliche, das Fachliche oder das Sportpolitische, das Zuschieben von Stimmen?", fragte Beckenbauer und deutete damit an, dass sich etliche der 24 Wahlmänner von speziellen Motiven leiten lassen könnten. Die Aussage des brasilianischen Verbandspräsidenten Ricardo Teixeira, der am Montag in Rio de Janeiro die brasilianische Kandidatur mit einem Hilfe-Versprechen für Südafrika zurückgezogen hatte, "ist schon sehr kritisch zu bewerten", meinte Beckenbauer. Teixeira hatte angekündigt, dass alle Verbände, die bisher die Bewerbung Brasiliens unterstützt hätten, im Rahmen eines brasilianisch-südafrikanischen Paktes ihre Stimmen an Südafrika geben werden.

Südafrika würde im Gegenzug Brasilien bei der WM im Jahr 2010 auf sportpolitischem Parkett fördern, meinte Teixeira. "Wenn man sich zwei Jahre hat überall sehen lassen und dann drei Tage vorher zurückzieht, muss etwas dahinter stecken", sagte Beckenbauer. "Der Vorgang ist schon merkwürdig", kritisierte er das Vorgehen. "Es ist zu befürchten", meinte der Präsident des FC Bayern München, dass nun vor allem sportpolitische Argumente den Ausschlag geben werden. "Wir haben unsere Hausaufgaben in den vergangenen zwei Jahren gemacht. Die Fifa sagt, mit unserer Bewerbung haben wir neue Maßstäbe gesetzt", meinte Beckenbauer.

Dass der DFB die vor fünf Jahren gestarteten Versuche, selbst mit Südafrika zu einer Kooperation zu kommen, schnell wieder abgebrochen habe, sei kein Fehler gewesen, betonte der DFB-"Werbechef". "Man kann nicht sagen, wir dealten mit Südafrika. Das ist genau das, was wir vermeiden wollten. Das ist Mauschelei, das kann man nicht wollen", erklärte Beckenbauer. Allerdings wisse er nicht, wie Teixeira zu seiner Einschätzung komme, dass alle Brasilien-Anhänger in der Fifa-Exekutive nun automatisch zu Südafrika überschwenken werden. Einigen Exekutiv-Mitgliedern werde diese Aussage missfallen, erklärte Fedor Radmann, der DFB-Koordinator für die Weltmeisterschafts-Bewerbung.

Aber die neue Stimmungslage im Kreis der Fifa-Wahlentscheider sei nicht mehr exakt festzustellen. "Die Fifa-Exekutive ist in einem Hotel untergebracht, und es ist verboten, mit ihnen Kontakt aufzunehmen", schilderte Beckenbauer die strikten Fifa-Regeln. Es mache keinen Sinn mehr, noch einmal bei den Exekutivmitgliedern Überzeugungsarbeit zu leisten.

Seine Zuversicht hat Beckenbauer aber noch nicht ganz eingebüßt. "Ich habe mir noch keine Gedanken über eine Niederlage gemacht, weil ich überzeugt bin, dass wir den Zuschlag bekommen." Der "Kaiser" erhält zudem Wahlhilfe vom Kanzler. Gerhard Schröder wird heute eine halboffizielle DFB-Delegation leiten, der als Überraschungsgäste auch Boris Becker, Steffi Graf oder Claudia Schiffer angehören könnten. Derweil verlautete aus Südafrika, dass Nelson Mandela zu Hause bleibe. Der frühere Staatspräsident wird offenbar in Zürich nicht mehr als "Zugpferd" benötigt. "Wir konnten bisher sicher sein, zwölf Stimmen zu haben. Da habe ich mich ans Telefon gesetzt und noch zwei Länder für uns gewonnen", sagte Mandela am Dienstag.

England greift derweil im Kampf um die Ausrichtung der WM nach dem letzten Strohhalm. Der britische Innenminister Jack Straw hat die kurzfristige Verabschiedung eines wirksamen Maßnahmen-Katalogs gegen englische Hooligans angekündigt. "Wir wollen die Gesetzesänderungen bis zum Beginn der Sommerpause am 28. Juli im Parlament abgehandelt haben", sagte Straw. Am Rande der EM waren mehrere hundert Engländer festgenommen worden. Die Europäische Fußball-Union Uefa drohte dem Verband des Weltmeisters von 1966 zwischenzeitlich sogar mit dem Ausschluss vom Turnier.

Im Kreuzfeuer der Kritik stehen die Ausreise-Bestimmungen in England. Bisher dürfen die Behörden Fußball-Rowdies nur dann am Verlassen der Insel hindern, wenn die Hooligans zuvor bereits der Teilnahme an Ausschreitungen überführt wurden. Geplant ist jetzt die Erweiterung der amtlichen Befugnisse. Demnach sollen die Grenzen für Personen schon dann dicht gemacht werden, wenn sie nur im Verdacht stehen, sich an Randale zu beteiligen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben